Tatortkontrollkommission

unabhängige Kommission zur Untersuchung und Kontrolle der Medialisierung und Visualisierung von Rechtswirklichkeit am Beispiel der ARD-Produktionen "Tatort" und "Polizeiruf 110"

Sonntag, 29. April 2012

Münsteraner Tatort mit Thiel & Börne am Beliebesten

Meldung vom 21.04.2012: Münster: Thiel (Axel Prahl) & Boerne (Jan-Josef Liefers) sind die "Tatort"-Stars!

Münster vor Köln und München - so lautet das Ergebnis der großen "Tatort"-Umfrage nach den beliebtesten Ermittlern. In Ihrer Gunst mit weitem Abstand ganz vorne:
das skurrile Duo Kommissar Thiel und Rechtsmediziner Boerne.

Quelle: www.gmx.net ;

Mittwoch, 13. Januar 2010

Tatortkontrolle-Sendepause bald beendet

Tatortkontrolle wieder da im Neuen Jahr!

In 2010 macht sich die Tatortkontrollkommission www.tatortkontrolle.de auf zu neuen Fällen.
Be there and watch! Kommissar Rex.

Bis dahin zum gesellschaftskritischen Zeitvertreib:

Podcasts:
DasErste-Radio-Tatort: http://itunes.apple.com/WebObjects/MZStore.woa/wa/viewPodcast?id=310864997
Kriminalassistent Karl Karlsens alias Brain Brain: www.radiobremen.de/podcast/karlsen

Aktuelle Satire:
+ Göttliche xtra-3-Kritikmagazin (NDR mit PodCast):
http://www.xdrei.de, Extra3-Podcast direkt
+ Frontal21 (ZDF) Podcasts, www.zdf.frontal21.de

+ GIGANTISCH: "Neues Aus der Anstalt": www.anstalt.zdf.de
+ HEUTE Show erstmals 26.5.09: www.heuteshow.zdf.de

Kabarett vom Feinsten:
* www.volker-pispers.de
* www.dietrich-kittner.de
* www.martin-buchholz.de
* www.georg-schramm.de
* www.hagenrether.de

Sonntag, 8. November 2009

Und das von unseren Gebühren

Der Trend geht zu Erschießung


Was haben wir heute nicht alles erleben dürfen?! Tja, mensch kann sich kaum noch erinnern. Der sonntägliche Polizeiruf gab nicht eben Anlass, tief in den Fernsehsessel gedrückt, vor Spannung die Armlehne zu umkrallen. Das Münchner Polizeirevier samt der Beamtinnen darin ist so bieder wie seine alte Tapete. Allein sie zu betachten erzeugt Depressionen. Jede Vernehmung in einem mit diese bräunlich vergilbten Rautenmustern tapezierten Raum stellt ohne Zweifel eine verbotene Vernehmungsmethode dar. Die Vorstellung, dass darin auch Menschen arbeiten müssen, lässt uns um den geistigen Zustand des Polizei- und Justizsystems bangen. So schrullig wie die Tapete sind auch die Mitarbeiter/innen: Von der Weihnachtsfeier bis zur Arbeitsbelastung…menschenverachtend. Immer nur Dienst nach Vorschrift, und mögen tut sich dort auch keiner. Es gibt nur Arschkriecher und gescheiterte, missverstandene Chauvis ohne Aufstiegschancen, weil die neue Chefin nur Frauen fördert; und zwar in schöne Büros: modern, maßgeschneidert und designecht - zu schön für die alten Menschen. Ne echte Frauensache in einer Umgebung, in der sonst nur echte Männerfreundschaften keimen können, die in kalten Observationsnächten mit illegalen Ermittlungsmethoden als prickelnd, gemeinsames Draufgängertum für die richtige Sache einen dankbaren Nährboden finden. Wer sich da emotional zu nahe kommt, beschert als denunzierte Schwuppe dem Kantinenfraß schnell die richtige Würze. Das ist das Revier der Drogenfahndung. Die Langweiler von der Mordkommission, die erst Lauschen, Durchsuchen und Beschatten, wenn ihnen der Staatsanwalt (sic!) das richtige Formular unterschrieben hat, haben hier eigentlich nichts zu suchen. Das ist der Unterschied zwischen denen, die kommen, wenn die Leichenstarre bereits eingesetzt hat und jenen, die verhindern sollen, dass es überhaupt dazu kommt. Es ist das Psychogram eines kranken, sozial bindungslosen und hoch moralischen Heldentums leitender Polizeibeamter das uns hier präsentiert wird, so moralisch, dass Selbstjustiz und egomanische Selbstermächtigung nur eine Frage richtiger Berufsauffassung sind. Macht das System die Ermittler oder die Ermittler das System kaputt? Schafft der Kapitalismus das Verbrechen oder ist es umgekehrt?Müssen PolizistInnen Grenzen anderer Menschen beachten, die selbst bereit sind, an ihre Grenzen zu gehen? Ist es da nicht total nachvollziehbar, wenn sie bei Zeugenvernehmungen auch mal "etwas über die Strenge schlagen", wenn sie sich ohne gerichtliche (!) Durchsuchungsbeschlüsse Zutritt zu Wohnungen verschaffen, wenn sie investigativ Initiative zeigen, wo es Erkenntnisse, aber keine Beweise gibt? Wie wahrscheinlich ist es, dass irgendein schmieriger Anwalt den Verdächtigen wieder auf freien Fuß bringt? Ein Mensch der so weit gegangen ist, geht er nicht noch weiter?… Sind Sie ausgestiegen? Wissen Sie nicht mehr, ob wir vom Polizisten oder dem Verdächtigen reden? Nein - nun, wir auch nicht. Am Ende sind die Drogen beschlagnahmt, bleibt der Verdächtige auf der Strecke, erschossen vom Polizisten, der keine legal beschafften Beweise hatte und eine Staatsanwaltschaft, die im Nachhinein die passenden Anordnungen für die illegal durchgeführten Ermittlungen in den Akten findet, die sie formal gesehen auch vorher schon nicht hätte anordnen können, weil es dazu stets einer richterlichen Entscheidung bedurft hätte. Sicher, wir haben die Worte des italienischen Polizeipraktikanten der Tatortkollegen in gleicher Stadt vom Sonntag drei Wochen zuvor noch im Ohr: "Hier in Deutschland, richtiges Formular und zack!" - der Richtervorbehalt wirkt selten als Überwachungssperre. Doch es gibt ihn… nur im Fernsehen nicht. Der Polizeiruf wäre kein echter Tatort gewesen, wenn der miesepetrige, traurig zynische Hauptkommissar Tauber und seine viel zu verständnisvolle Kollegin den korrupten Beamten nicht am Ende doch überführt hätten, welch bemitleidenswerte Erscheinung…

Da wird mal wieder alles verhandelt - wie das Leben so spielt: Homophonie, Körperkult, Gender Mainstreaming, soziale Deprivation, Generationenkonflikte, Einrichtungsdesign, Integrationsfragen, nicht zuletzt die Janusköpfigkeit der Justiz selbst. Ja und?, fragt der Zuschauer und bleibt ratlos zurück. Alles Scheiße oder was? So plakativ wie all die gesellschaftlichen Probleme in Sendeformaten wie Tatort und Polizeiruf behandelt werden, so erkenntnisarm sind sie auch. Zurück bleibt der schale Nachgeschmack von Mitverantwortung und Alternativlosigkeit: Der Polizeiruf präsentiert keine Lösungen auf Probleme, sondern führt nur den Einzelbeweis ihrer Existenz. Wir sitzen vor den Fernsehern und schauen voyeuristisch den Leuten zu, die unseren Dreck wegräumen sollen, den diese Gesellschaft, ihre Kultur, ihre Politik und ihr Wirtschaftssystem produzieren. Genug Stoff für eine unterhaltsame oder aufklärerische Abendunterhaltung, möchte mensch meinen - im besten Fall beides. Doch am Ende des Abends wissen wir, es ist beides nicht: Die Charaktere konfrontieren uns mit ihrer unerträglichen Ungenügsamkeit, aber helfen uns nicht, sie zu verstehen, sondern nur zu bemitleiden. Probleme erscheinen uns als Normalität, die Subtilität kommunizierter Sexismen ist gewaltanregend, aber nicht aufklärerisch und was da als Milieustudie daherkommt, sind Plattitüden, die so schnell vergessen sind wie der Plott, Dafür musste also ein einarmiger Ermittler den Dienst quittieren und die Zuschauerin bayuvarische Weihnachtsrituale ertragen, für die er sich selbst dann fremdschämt, wenn er nicht Türke ist, undzwar als Deutscher…wie schön, dass am Ende wie am Anfang, wenigstens Bachs Weihnachtsoratorium einen harmonischen Rahmen setzt: "Jauchzet, frohlocket!"

Danach schalten wir um zum Krimi im Zweiten - nicht selten auch eine Enttäuschung, aber wenigstens eine gute Unterhaltung. Die Skandinavier, gern gesehen Gäste, garantieren alles: Unterhaltung, Spannung, Action und Aufklärung…scheinbar! Die neue Serie "Protectors" gibt dem Gala-verwöhnten Zuschauern Einblick in alle Bereiche. Das Leben der Profis, die Politik in ganz großem Stil und vor allem: die beste Technik. Beim Überwachen gleichermaßen wie beim Einsatz psychologischer Strategien. Es scheint so logisch, ausgerechnet in der für den Personenschutz der Promis zuständigen Polizeieinheit Geheimdienstinformationen mit kriminaltechnischem Know-how powered by Anti-Terrorgesetzen zusammen laufen zu lassen. Da ist der Chef, ständig besorgt um die Sicherheit im Land und tiefüberzeugter Demokrat schon mal bereit, zur Abwendung dringender konkreter Gefahren etwas jenseits der Vorschriften zu vernehmen. Und sein Stellvertreter - ebenfalls ein treusorgender Familienvater, der stets darauf achtet, dass das Team respektvoll miteinander umgeht und sexistische Sprüche unterbleiben - beschwert sich, dass Schlaf- und Badezimmer der (terror-)Verdächtigen nicht voll einsehbar sind, weil die Kollegen meinten, etwas Privatsphäre müsse auch Verdächtigen noch bleiben. Die leitende Staatsanwältin fördert auch gern Frauen, redet aber nicht ständig bayerisches Zeug und ist auch sonst recht gut informiert, wenn auch nicht immer ganz im Bilde. Auch hier funktioniert die männlich nonverbale Kommunikation, aber die Farben stimmen, an den Wänden hängen keine anklagenden Tapeten, sondern Monitore und die treue Chefsekretärin sorgt sich um den Cholesteringehalt und die Schlafbedürfnisse der MItarbeiter/innen genau so wie um deren Lohnstreifen. Die Bösewichte sind Kriegsverbrecher, Nazis oder Dschihadisten, sie gibt es in der Polizei und in der Politik - eine offene Gesellschaft mit Feinden, die jedoch Feindbilder vermeiden will. Auch in diesem Team gibt es Ehekrach, aber den Tipp von Freund und Psychologen gleich dazu. Zu ihm gehören Moslems, Christen, Juden die unter den Augen Abrahams ein WG-Leben fristen. Fehler werden zwar gemacht, aber zugegeben. Ermittlungsergebnisse genügen für Überwachungsmaßnahmen zwar nicht, die ungeprüften Informationen "befreundeter Geheimdienste" aber schon. Die Sorge um die Sicherheit der deutschen Kanzlerin ist ebenso groß wie die um den Schutz einer Zeugin. Hier braucht es keine untergeschobenen Nachrechtfertigungen. In dieser fiktiven Polizeieinheit ist zusammengezogen, was zusammengehört: Kompetenz, Information und technisches Equipment. Fragt die Staatsanwältin: Wie viele Leute an der Sache dran sind, so ist die Antwort: "Genug." Und immer wieder die Frage: "Haben wir alles unter Kontrolle?" Am Ende: Ja. Der Preis? Es hat nicht die falschen getroffen. Der Trend geht zur Erschießung. Täter weg, Problem weg. Eine moderne Geschichte der Kölner Kofferbomber im kleinen Dänemark - so scheint es. Der Zuschauer schaltet zufrieden ab, er wurde gut unterhalten, die Welt ist gerettet für den Moment, wir können ruhig schlafen und die, die auf uns aufpassen, sind keine Kaputten, das sind gut aussehende Menschen mit Gewerkschaftsausweis. Armes Dänemark - wie schön wir uns doch an diese nahezu widerspruchsfreie Ästhetik der Überwachung gewöhnen können. Gute Nacht Deutschland - da lob ich mir doch den Bürokratenstiesel Tauber, der sieht zwar scheiße aus und ist kaum zu ertragen, aber tut wenigstens nicht so, als würde er alles unter Kontrolle haben (müssen).


Ein nächtlicher Tatortkontrolleur.

Sonntag, 4. Januar 2009

Spiegel: "Atomstaat BND"

Tatort am Sonntag, den 16.11.08:
Salzleiche (Regie: Christiane Balthasar , NDR >>)

Sachverhalt:
Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), noch immer im Mutterschutz, wird vom Oberstaatsanwalt "gebeten" den Mord an dem Wachmann Sven Gutzkow aufklären, dessen Leiche seit einem halben Jahr in den Salzhalden des Erkundungsbergwerks Gorleben verschüttet lag. Schon bald ermittelt sie in einem "strahlenden Milieu": Der Leiter der Betreibergesellschaft des atomaren Zwischen- und Endlagers, Kasper (Stephan Grossmann), wird seit geraumer Zeit erpresst. Unter Verdacht stehen Gutzkows Kollegen Augenthaler (Rainer Bock), dessen Eigenheim im Rohbau steckt sowie der Geologe Sandmann. Irritierend gut informiert und misstrauisch tauchen immer wieder Mitglieder der Anti-AKW-Bewegung auf, angeführt von der ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Welany. Auch die Presse klebt der Kommissarin am Hacken und so mancher zwielichtige Agent hört nicht nur ihr Telefon ab.
Charlotte und der Kollege vor Ort, Polizeihauptmeister Jakob Halder (Matthias Bundschuh), stellen mit ihren Ermittlungen das Wendland auf den Kopf. Das Ergebnis: ein Schließfachschlüssel, eine vermeintliche Stimme aus dem Jenseits und eine weitere Leiche. Charlotte wird von ihrer Freundin Belinda (Catrin Striebeck), Mitarbeiterin beim LKA, gewarnt: Diese Sache sei eine Nummer zu groß für sie.
Doch Charlotte lässt sich nicht beirren. Als sie herausfindet, dass sich Gutzkow vor seinem Tod mit dem spanischen Terrorhelfer Ahmadin getroffen hat, führt sie diese heiße Spur nach Barcelona, wohin sie der Staatsanwalt auch prompt (dienst-)reisen lässt.
Wie so oft bei Kommissarin Lindholm führen sie auch höchst private Gründe in die spanische Metropole: der Vater ihres Kindes. Das Wespennest, in das sie dort stößt, ist allerdings nicht rein persönlich, hat mit dem Mord rein gar nichts zu tun und bringt sie in höchste Gefahr.

Bewertung:
Das Genere dieses Tatorts ist vom traditionellen Kriminalspielstück so weit entfernt, dass es wohl eher als Thriller mit aufklärerischem Schwerpunkt gelten kann. Das macht, bei aller Unterhaltsamkeit, eine Beurteilung am Maßstab der Realität schwierig. Denn was dort als ausgemachtes Ganovenstück mit geheimdienstlicher Verquickung präsentiert wird, ist so weit von den Kathegorien rechtsstaatlicher Ermittlungsarbeit entfernt wie dies Geiheimdienstarbeit im allgemeinen zu sein scheint - auch wenn in diesem Fall selbst für die hintergründigen Tätigkeiten des BND keinerlei Rechtsgrundlagen existierten. Eine juristische Aufarbeitung dieses Tatorts würde daher den Rahmen dieses Projekts sprengen.

Statt dessen hat sich die Kommission entschlossen einen Artikel der Elbe-Jeetzel-Zeitung (vom 18.11.08) zu dokumentieren. Denn darin wird der Vermittlungsprozess von der Produktion über die ZuschauerInnen zurück zu den Medien und ihre LeserInnen deutlich:

»Wichtige Inhalte transportiert»
Gorleben-Tatort: Public Viewing am Drehort in Gedelitz - Kritiken: »Guter Tatort», aber auch »konstruiert und gewollt»

ac Gedelitz. Etwa 70 Menschen schauen gebannt auf eine große Leinwand, die im Gasthaus Wiese in Gedelitz aufgebaut ist. Gleich soll er gezeigt werden - der Gorleben-Tatort »Die Salzleiche».

Es ist unruhig im Gasthaus. Die Zuschauer des »Public Viewings» warten gespannt auf die Ausstrahlung des Films, der am Sonntagabend einen Marktanteil von fast 26 Prozent erreichte. Über neun Millionen Menschen haben ihn gesehen.

»Ich bin skeptisch, ob die Atommüll-Thematik richtig aufgearbeitet wurde», sagt Marianne Fritzen, Urgestein der Anti-Atom-Bewegung, bevor der Film beginnt. Auch der NDR hat die Brisanz dieses besonderen Tatorts, eine Woche nach dem vorigen Atommülltransport, erkannt und ein Fernsehteam geschickt. Es soll die Reaktionen der Zuschauer einfangen. An dem Ort, an dem auch gedreht wurde. Das Gasthaus ist im Tatort mehrfach von innen und außen zu sehen. Beim Abspann hört man es bereits im Saal murmeln. Es gibt viel zu besprechen. »Das war ein guter Tatort! Ich glaube, dass die Zuschauer viel darüber erfahren haben, wie die Situation in Gorleben wirklich ist. Die Republik hat in den vergangenen drei Wochen viel dazugelernt», meint Martin Donat (Kreistagsmitglied der GLW) mit einem Lächeln. »Der Tatort war sehr informativ für Menschen, die sich sonst nicht mit der Gorleben-Problematik beschäftigt haben. Sie wissen jetzt, dass der Atommüll nicht unterirdisch im Salzstock, sondern in einer oberirdischen Blechhalle gelagert wird», sagt Marianne Fritzen. Diese Information war auch Susanne Kamien von der Bäuerlichen Notgemeinschaft besonders wichtig. Sie freute sich, dass die politische Botschaft so gut von Drehbuchautor Max Eipp verpackt wurde: »Es wurde noch einmal deutlich, dass die Endlagerfrage noch nicht geklärt ist.» Ein bisschen hat sie sich aber über die im Film dargestellte BI-Vorsitzende geärgert, die mit Wollpulli, VW-Bulli und ihren zwei latzhosigen Begleitern plakativ das Klischee einer Widerständlerin wiedergeben soll. Klischees werden im Film einige bedient - so tauchen auch eine esoterisch angehauchte, gewollt individuell wirkende Wendländerin und ein kiffender PC-Spezialist auf. Das Gasthaus wurde eigens für den Film umdekoriert. Seit dem Besuch des Filmteams hängen Geweihe an der Wand, und den Gastraum ziert eine Hirschtapete. »Für ein kommerzielles Produkt sind die politischen Hintergründe aber ganz anständig recherchiert», findet Susanne Kamien. Über den im Tatort angesprochenen Handel mit radioaktivem Material sagt Martin Donat: »Der kritische Ansatz war gut. Er hat die Frage aufgeworfen, wie sicher das radioaktive Material vor Fremdnutzung ist.» Marianne Fritzen fügt hinzu: »Mich hat berührt, wie mit atomarem Brennstoff umgegangen werden kann.»

»Der Tatort hat sich deutlich von der üblichen Krimi-Unterhaltung unterschieden und politisch wichtige Inhalte transportiert. Das sollte es öfter geben!», meint Dokumentarfilmerin Roswitha Ziegler. Die Geschichte der »Salzleiche» sei aber zu konstruiert und gewollt. Für Ortsansässige sei der Zusammenschnitt der Landschaftsszenen sehr amüsant gewesen, der mit der Realität natürlich nicht viel gemein hatte. Der ein oder andere Lüchow-Dannenberger hat vielleicht auch einen Bekannten hinter Kommissarin Lindholm durch das Bild huschen sehen. Viele der Komparsen, wie Andreas Ehlert, der einen Polizisten spielte, kamen aus der Region. »Ich war nur ein paar Sekunden zu sehen, aber meine Leute haben mich erkannt», sagt Andreas Ehlert, der findet, dass sein Auftritt ein bisschen was von Slaptstick hatte. Während des Films gab es für die Zuschauer im Saal viel zu lachen. »Der Film enthält spitzen wendländischen Humor», fand Klaus Beckstedt aus Küsten. Damit meinte er beispielsweise die kritischen Fragen der Tatort-Komissarin Lindholm an den Betreiber des potenziellen Endlagers: »Und Gorleben ist der sicherste Ort, weil die weitere Suche zu teuer ist?» Einige der Zuschauer des »Public Viewings» tauschten noch die oder andere Hintergrundinfo aus: Wer hätte schon gedacht, dass die Hand eines Toten, die aus einem Autofenster ragt, Kinobetreiber Thomas Günther aus Lüchow gehört? Auch bundesweit dürfte der Film den Zuschauern vor dem Fernseher einige Illusionen geraubt haben.

Freitag, 17. Oktober 2008

Kapitalismus und Wissenschaft - Korrupte Geschäfte an der Humboldt-Universität zu Berlin

Tatort am Sonntag, den 31.08.08:
Blinder Glaube (Regie: Jürgen Bretzinger, RBB >>)


Sachverhalt:
Die Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) haben len Grund zum Feiern, denn sie ertragen sich nun schon mit Jubiläumsreife. Die von Ritter zu diesem Zweck eigens besorgte Flasche Champagner soll über den Dächern Berlins niedergemacht werden. Alkohol in der Dienstzeit? Das kann ins Auge gehen - tut es auch, jedenfalls für Starke, dessen Auge dem Champagner-Korken auf dessen Weg aus dem engen Flaschenhals ins Universum in die Queere kommt. Zum Glück ist die Charité nicht all zu weit entfernt und das blaue Auge wird schnell zum "Dienstunfall mit einem Champagner-Korken". Doch es bleibt keine Zeit zur Erholung, schon ruft wieder ein Leiche:

Katja Manteuffel, Chefärztin der Berliner Uni-Augenklinik, wird ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen führen die Kommissare zur Cornea AG, einer Firma, die im Rahmen des streng geheimen Projektes "Phydra" einen revolutionären Netzhaut-Chip entwickelt hat. Dieser Chip wurde kurz nach Katja Manteuffels Ermordung einer blinden Patientin (Anne Kanis) implantiert. Schon bald rückt die Augenchirurgin Mareike Andresen (Judith Engel) ins Visier der Kommissare. Aufgrund der Ermordung von Katja Manteuffel hat sie die aufsehenerregende Operation durchgeführt. Eine einmalige Chance für die Karriere der jungen Ärztin. Aber hat sie dafür gemordet?

Als Ritter und Stark herausfinden, dass die Ermordete eine heimliche Liebesbeziehung mit Tim Nicolai (Justus von Dohnányi), dem Verlobten von Mareike Andresen und Leiter von "Phydra", hatte, gerät auch dieser unter Verdacht. Drohte Katja Manteuffel gegenüber Tim Nicolai damit, seiner Verlobten von dem Verhältnis zu erzählen? Es hätte Nicolais Entlassung aus der Firma bedeutet, denn der Vorstandsvorsitzende der Cornea AG ist Mareikes Vater Manfred Andresen (Jörg Gudzuhn).

Doch damit nicht genug: Von der attraktiven Referentin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Judith Wenger (Gesine Cukrowski) erfährt Ritter, dass das Bundesministerium "Phydra" maßgeblich finanziert. Immer klarer wird, dass der Schlüssel zur Aufklärung im Beziehungsdickicht von Forschung und Wirtschaft verborgen liegt, in dem Profitdenken und knallharte Konkurrenz herrschen. Ritter und Stark müssen ein Geflecht aus Lügen entwirren und stehen am Ende vor einer verblüffenden Lösung.
(den Trailer gibts hier >>)

Bewertung:
Amysant und unterhaltsam, wie das quirrlige Kommissarenduo in Berlin ermittelt, wird ein gleichermaßen spannendes wie brisantes Thema der Verquickung von (öffentlich-rechtlicher, von Steuergeldern finanzierter) Wissenschaft und (gewinnorientierter) Privatwirtschaft problematisiert. Die üblichen Akteure: Universitäten, Wirtschaftskonzerne, Organe der Staatsaufsicht und ihre AkteurInnen - alle kommen sie vor. Und doch schaben die kriminalistischen Ermittlungen nur an der Oberkante, die nach Exzessen sucht, nach individuellen Einzeltätern, welche die Grenzen der Gemeinverträglichkeit übertreten und die große Legende von der "Suche nach Wahrheit und Wissen für ein besseres Leben" nur noch vor sich hertragen, um ihre persönliche Gier zu übertünchen. Das System enger Verzahnung und Abhängigkeit von Wissenschaft und Wirtschaft aber, bleibt unhinterfragt, muss es vielleicht auch bleiben. Dabei lohnt die Frage, wann eine bestimmte Forschung die heiligen Hallen der Universität verlässt, um privatwirtschaftlich oder militärisch weiterbeforscht zu werden - jenseits der Öffentlichkeit und mit anderen Zielen als denen der Wahrheitsstiftung.

Hier soll nicht bezweifelt werden, dass vielfach wichtige Forschungsergebnisse nur dadurch zum Nutzen der Menschheit bzw. in diesem Fall des/der einzelnen Patient/in wurden, dass eine (private) Firma aus der Erkenntnis ein heilendes Anwendungsprodukt hergestellt hat oder dass wichtige Forschungsprojekte an den öffentlichen Forschungseinrichtungen nur durch privatwirtschaftliche Spenden und/oder Public-Privat-Partnerships möglich geworden sind. Es soll aber gefragt werden, warum das so ist?! Der Tatort gibt dafür einen guten Einstieg; freilich gilt es die Rolle der Akteur/innen im System zu hinterfragen, die Zusammenhänge der Institutionen (universitäre Wissenschaft - Staatsaufsicht und -lenkung - Wirtschaft) in ihrer jeweils systemimmanenten Rolle innerhalb einer kapitalistisch funktionierenden Marktwirtschaft zu betrachten. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass sich der Staat aus der Finanzierung von Grundlagenforschung immer mehr heraushält und seinerseits wirtschaftlichen Imperativen folgt. Dadurch bleibt der Wissenschaft kein Schutzraum für eigene Fragestellungen. Mit der Implementation des Wettbewerbs als Lenkungsprinzip der Hochschulorganisation und -finanzierung, wie es der Exzellenzwettbewerb und die Suche/Sehnsucht nach Eliteuniversitäten in Deutschland so anschaulich macht, gehen den Universitäten die eigenen Gründungsmythen verloren. So wirken sie selbst an ihrem Umbau zu bloßen Berufsausbildungseinrichtungen einerseits und zu abhängigen Forschunsinstituten andererseits mit, die der Privatwirtschaft als Abschreibungsmöglichkeit eigener Investitionen ebenso dienlich sind, wie für die Erarbeitung von unwirtschaftlichen Teilprojekten mit staatlichen Mitteln, deren wirtschaftliche Nutzung wiederum der Privatwirtschaft anheimfällt. Wer wollte es ihr nicht gönnen - könnte man einwenden. Schlimm ist dabei nur, dass die mit Steuergeldern finanzierten Fortschritte der Gesundheitsindustrie schließlich vom Verbraucher wieder teuer bezahlt werden müssen.

Das alles in einem Tatort? Unmöglich! Klar, aber - auch das könnte ein Anspruch öffentlich-rechtlichen Fernsehens sein - wenigstens andeuten, dass die Welt komplexer ist, als nur die Summe der Charakterrollen eines Kriminalfalls, dürfte zu erwarten sein. Immerhin lobt die Kommission ausdrücklich die in dieser Hinsicht nicht unüberhörbaren Anspielungen und Wertungen der Kommissare, die auch das Bild wiedergeben, das in der Gesellschaft von Wissenschaft existiert. Um so amysanter für eine an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) agierende Kommission ist es dann zu sehen, wie die Innenaufnahmen der korrupten Chipfirma Cornea AG aus dem HU-Institutsgebäude der Physik in Adlershof stammen. Jenem Standort der Humboldt-Universität, der sich dafür rühmt, dass Universitäts- und privatwirtschaftliche Forschung hier eng zusammen arbeiten (>>).

Zum Verhalten der Kommissare lässt sich abschließend nur anmerken, dass die Behandlung von Verletzungen, die durch Champagner-Korken hervorgerufen werden, nur dann einen Betriebsunfall darstellen, wenn es sich beim Verzehr des Getränks um eine dienstliche Handlung handelt, also z.B. ihm Rahmen eines Empfangs für den neuen Abteilungschef während der Dienstzeit etc. Im vorliegenden Fall ist der Vorgang jedoch eher als Versicherungsbetrug im Amt zu bewerten. Dass darüberhinaus Kommissar Ritter in fast jeder Folge eine Affaire mit Zeuginnen und/oder Verdächtigen unterhält, mag ein vom Drehbuch als tragisch inszenierter Moment in Ritters Persönlichkeit sein. Dieser Umstand mutet aber doch reichlich unprofessionell für Polizeiarbeit an und zeigt nur, wie wenig Leben und Realitätswahrnehmung manchen BeamtInnen außerhalb ihres Dienstes bleibt.

Kind zu ersteigern

Tatort vom Sonntag, 06.07.08:
Ausweglos (Regie: Hajo Gies, MDR >>)

Sachverhalt:
In der Leipziger Innenstadt wird am frühen Morgen die Leiche einer jungen Frau gefunden. Susanne Körting wurde brutal erschlagen. Ihr Mann Manuel (Hinnerk Schönemann) erzählt den Hauptkommissaren Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke), dass er sich vor kurzem von Susanne getrennt hätten. Als sich bei der Obduktion herausstellt, dass Susanne Körting wenige Tage vor ihrer Ermordung ein Kind entbunden hat, gerät ihr Ehemann, der die Schwangerschaft verschwiegen hat, unter Verdacht.

Die Kommissare gehen der gescheiterten Ehe auf den Grund und erfahren, dass Susanne Körting es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hat. Mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber Jörg Grabosch (Matthias Matschke) soll sie sich auf einer Betriebsfeier vergnügt haben, und auch ihr letzter Chef, der verheiratete Peter Marquardt (Oliver Stokowski), der sie beim Kauf eines Kinderwagens begleitet hatte, rückt ins Visier der Ermittler. Die Suche nach dem oder der Mörder/in wird schnell zur Suche nach dem Erzeuger des noch immer verlorenen Babys. Nach diesem wird landesweit gefahndet, doch es fehlt jede Spur, und die Befürchtung, es könne getötet worden sein, lässt die Kommissare, die aus der Zeit ihrer gemeinsamen Ehe ebenso die Erfahrung eines verlorenen Kindes teilen, nicht ruhen.

Derweil ereignet sich Erstaunliches: Beim Besuch des behandelnden Frauenarztes der Toten (Andreas Borcherding) behauptet dieser, Susanne Körting sei bei ihm nicht als Schwangere in Behandlung gewesen. Auf dezidierte Nachfrage der Beamten behauptet dieser, sie könne auch bei keinem anderen Arzt gewesen sein, wie er durch Nachfrage bei der Krankenkasse in Erfahrung gebracht haben will.

Zwischendurch rücken die Kommissare zur Kindesrettung aus: Eine Frau meldet, aus der Wohnung ihres als Single lebenden Nachbars dringe ununterbrochenes Kleinkindgeschrei. Die Tür ist schnell aufgebrochen, die skuril anmutende Wohnung durchsucht. Schließlich finden sie das Kind wohlbehalten und wollen sich gerade auf den Weg ins Revier machen, als die Besitzer der Wohnung zurückkehren. Noch ehe sie sich versehen, sollen sie festgenommen werden. Doch das ganze stellt sich als großer Irrtum heraus. Denn der Junggeselle hat Besuch von seiner kleinen Schwester und deren Neugeborenen und war mit ihr "nur für ein paar Minuten Kaffeetrinken gegangen".

Die Nerven liegen blank. Die Ermittler verhören erneut Peter Marquardt und dessen Frau. Diese haben auch gerade ein neugeborenes Kind und einen ebensolchen Kinderwagen wie er auch am Tatort gewesen sein könnte.

Bald stellt sich heraus, dass die Tote lediglich als Leihgebärende der Marquardts dienen sollte. Darauf kommen die Ermittler durch einen Hinweis der Sprechstundenhilfe des Arztes, die bald selbst tot aufgefunden wird. Jemand hatte sie von einer Brücke gestoßen. Offenbar wollte Susanne Körting ihr Kind nicht herausgeben oder war ihr das von den Marquardts in Aussicht gestellte Geld zu wenig, das ihr (Ex-)Mann zum Erhalt seiner schlecht gehenden Tischlerei so dringend hätte brauchen können...

Bewertung:
Die Rolle des Kommissar Keppler scheint dem Schauspieler Martin Wuttke wie auf den Leib geschrieben - oder ist es umgekehrt? Dabei ist der Konflikt mit strafprozessualen Ermittlungsvorschriften quasi vorprogrammiert. Eine Charakter-Beschreibung, wie sie im Internet zu finden ist, bringt das ganz treffend auf den Punkt:
Keppler benimmt sich überall, als wäre er zu Hause. Er bringt es fertig, den Inhaber einer Wohnung glatt zu übersehen, um sich umso geschäftiger gleich und ohne zu fragen über eine Schublade, ein Fotoalbum oder auch einen Kochtopf herzumachen, nur um zu schauen,was drinnen ist. Wohl kein zweiter Polizeibeamter wird so oft verwundert nach einem Durchsuchungsbeschluss gefragt wie er.Häufig antwortet Eva für ihn:„Seien Sie froh, dass er keinen hat!“ Denn eine Durchsuchung führt Keppler auf seine Art durch: professionell, akkurat, penibel, detailversessen. Aber meistens „guckt er ja bloß mal“ und entschuldigt sich auch sofort dafür, wenn er damit jemandem zu nahe tritt – was häufig der Fall ist.
Immerhin, die Auseinandersetzung mit dem auch für Polizeibeamte verbotenen Ermittlungsmethoden findet statt – vor laufender Kamera quasi. Doch erzeugt das nicht auch eine Atmosphäre, in der die Zuschauer/innen nur hoffen können, dass die Wohnungsbesitzer etc. klein beigeben und in die Wohnungs"umschau" einwilligen?! Wie nervig wäre es, wenn die Kommissare jetzt erst einen Durchsuchungsbeschluss holen müssten, wo es doch gerade so spannend ist. Auch wenn die Mühen des Antragschreibens, Begründens und Prüfens dem Publikum erspart bleiben, ist für einen Krimi doch nur entscheidend, dass es möglichst schnell und spannend voran geht. Dem konnte sich auch die Kommission nicht immer ganz entziehen und daher scheint es um so dringlicher darauf hinzuweisen, dass es eben nicht genügt, etwas Verbotenes als solches zu bezeichnen und damit den Zuschauer zum Mitverschwörer illegaler Ermittlungen, zum Teil des Korpsgeistes werden zu lassen. Vielmehr muss auch ein spannender Kriminalplott zeigen, dass Ermittler/innen wissen, wo für sie Schluss ist und verstehen, damit umzugehen, ohne aufzugeben.

Im Einzelnen ist folgendes anzumerken:
  • Die Szene, in welcher der Gynäkologe zum Telephon greift, um sich bei der Krankenkasse zu erkundigen, ob seine Patientin etwa noch bei anderen Ärzten in Behandlung ist, entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Zwar lässt der Film durchaus offen, ob das Gespräch mit der Krankenkasse tatsächlich stattgefunden hat oder ob der Arzt die Beamten darüber nur täuscht, die Kommission hält es jedoch für wichtig, darauf hinzuweisen, dass solcherlei Auskünfte über Patientendaten für eine Krankenkasse ebenso der Geheimhaltung unterliegen wie für einen Arzt. Die Auskunft hätte somit nicht ohne Weiteres erteilt werden dürfen und schon gar nicht am Telephon.
  • Das gewaltsame Eindringen in die Wohnung des Junggesellen, aus der die Schreie des Kindes kamen (s.o.), war auch ohne Durchsuchungsbeschluss gerechtfertigt. Auch wenn es sich nachträglich als Irrtum herausstellte, handelten die Beamten hier nicht nur aus strafprozessualen, sondern auch aus präventiven Gründen, um das Baby vor gesundheitlichen Gefahren zu bewahren. Dabei durften sie davon ausgehen, dass ein weiteres Abwarten oder die Verständigung eines Schlossers möglicherweise zur Flucht des Verdächtigen mit dem Kind geführt hätte. Damit können sie sowohl nach den Polizeigesetzen zur Gefahrenbeseitigung als auch nach der StPO zur Verfolgung von Tatverdächtigen im Falle unmittelbar drohender Gefahr ausnahmsweise nach eigenem Entschluss handeln und Wohnungen durchsuchen. Diese Voraussetzungen waren hier gegeben. Daran ändert auch der tatsächliche Irrtum über die Umstände nichts. Allerdings müssen die Behörden für den Entstandenen Schaden gegenüber den Bewohner/innen aufkommen.
  • Die Vernehmung des Gynäkologen auf dem Polizeirevier zunächst als Zeugen, im Verlauf des Gesprächs aber als Verdächtigen hätte sofort abgebrochen werden müssen, als dieser einen Anwalt zu sprechen verlangte. Setzt die Polizei die Vernehmung dennoch fort, führt dies zur Unverwertbarkeit der Aussage im gerichtlichen Verfahren. Im übrigen stellt es einen Verstoß gegen die Justizgrundrechte des Zeugen bzw. Verdächtigen dar.
  • Nach dem Auffinden des gesuchten Kindes nimmt die Kommissarin das Kleinkind an sich, um es ihrer Mutter zur Aufbewahrung zu geben. Das ist selbstverständlich nicht zulässig. Zuständig ist hier das Jugendamt für die angemessene Versorgung und Unterbringung des Kindes, wenn eine ärztliche Versorgung nicht notwendig erscheint.
  • Am Ende des Films kommt es zu einer - für Jurist/innen reichlich amysanten - Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar Marquardt und dem Ex-Mann der Toten. Dabei bietet dieser den Marquards das Sorgerecht an seinem Kind an, nach dem sich herausgestellt hat, dass er selbst der Vater des Kindes sei, wenn diese dafür einen bestimmten Geldbetrag zur Rettung seiner Tischlerei zahlten. Dadurch wird der irreale Eindruck erweckt, es handle sich beim Sorgerecht um ein privatrechtlichen Abtretungsvertrag, bei dem das Eigentum an dem Kind übertragen werden kann. Wenn das ginge, würde bestimmt so manche Eltern ihre Kinder bei E-bay versteigern... Tatsächlich ist die Frage des Sorgerechts keine zivilrechtliche, sondern eine öffentlich-rechtliche Frage. Wird das Sorgerecht nicht von den Eltern selbst ausgeübt hat ein Familiengericht zum Wohle des Kindes über die Frage zu entscheiden, wer es statt derer ausüben darf bzw. soll. Eine rechtsgeschäftliche Verfügung über Menschen ist im Rechtsstaat formell zumindest ausgeschlossen.


Mittwoch, 10. September 2008

Sendebetrieb vorrübergehend eingestellt

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

wegen anhaltender Urlaubsplanungen wird dieser Blog erst wieder am dem 21. September 2008 mit neuen Inhalten gefüttert. 

Wir danken für Ihr Verständnis und wünschen allseits spannende Unterhaltung 
Ihre Tatortkontrollkommission