Tatort am Sonntag, den 16.11.08:
Salzleiche (Regie: Christiane Balthasar , NDR >>)
Sachverhalt:
Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), noch immer im Mutterschutz, wird vom Oberstaatsanwalt "gebeten" den Mord an dem Wachmann Sven Gutzkow aufklären, dessen Leiche seit einem halben Jahr in den Salzhalden des Erkundungsbergwerks Gorleben verschüttet lag. Schon bald ermittelt sie in einem "strahlenden Milieu": Der Leiter der Betreibergesellschaft des atomaren Zwischen- und Endlagers, Kasper (Stephan Grossmann), wird seit geraumer Zeit erpresst. Unter Verdacht stehen Gutzkows Kollegen Augenthaler (Rainer Bock), dessen Eigenheim im Rohbau steckt sowie der Geologe Sandmann. Irritierend gut informiert und misstrauisch tauchen immer wieder Mitglieder der Anti-AKW-Bewegung auf, angeführt von der ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Welany. Auch die Presse klebt der Kommissarin am Hacken und so mancher zwielichtige Agent hört nicht nur ihr Telefon ab.
Charlotte und der Kollege vor Ort, Polizeihauptmeister Jakob Halder (Matthias Bundschuh), stellen mit ihren Ermittlungen das Wendland auf den Kopf. Das Ergebnis: ein Schließfachschlüssel, eine vermeintliche Stimme aus dem Jenseits und eine weitere Leiche. Charlotte wird von ihrer Freundin Belinda (Catrin Striebeck), Mitarbeiterin beim LKA, gewarnt: Diese Sache sei eine Nummer zu groß für sie.
Doch Charlotte lässt sich nicht beirren. Als sie herausfindet, dass sich Gutzkow vor seinem Tod mit dem spanischen Terrorhelfer Ahmadin getroffen hat, führt sie diese heiße Spur nach Barcelona, wohin sie der Staatsanwalt auch prompt (dienst-)reisen lässt.
Wie so oft bei Kommissarin Lindholm führen sie auch höchst private Gründe in die spanische Metropole: der Vater ihres Kindes. Das Wespennest, in das sie dort stößt, ist allerdings nicht rein persönlich, hat mit dem Mord rein gar nichts zu tun und bringt sie in höchste Gefahr.
Bewertung:
Das Genere dieses Tatorts ist vom traditionellen Kriminalspielstück so weit entfernt, dass es wohl eher als Thriller mit aufklärerischem Schwerpunkt gelten kann. Das macht, bei aller Unterhaltsamkeit, eine Beurteilung am Maßstab der Realität schwierig. Denn was dort als ausgemachtes Ganovenstück mit geheimdienstlicher Verquickung präsentiert wird, ist so weit von den Kathegorien rechtsstaatlicher Ermittlungsarbeit entfernt wie dies Geiheimdienstarbeit im allgemeinen zu sein scheint - auch wenn in diesem Fall selbst für die hintergründigen Tätigkeiten des BND keinerlei Rechtsgrundlagen existierten. Eine juristische Aufarbeitung dieses Tatorts würde daher den Rahmen dieses Projekts sprengen.
Statt dessen hat sich die Kommission entschlossen einen Artikel der Elbe-Jeetzel-Zeitung (vom 18.11.08) zu dokumentieren. Denn darin wird der Vermittlungsprozess von der Produktion über die ZuschauerInnen zurück zu den Medien und ihre LeserInnen deutlich:
»Wichtige Inhalte transportiert»
Gorleben-Tatort: Public Viewing am Drehort in Gedelitz - Kritiken: »Guter Tatort», aber auch »konstruiert und gewollt»
ac Gedelitz. Etwa 70 Menschen schauen gebannt auf eine große Leinwand, die im Gasthaus Wiese in Gedelitz aufgebaut ist. Gleich soll er gezeigt werden - der Gorleben-Tatort »Die Salzleiche».
Es ist unruhig im Gasthaus. Die Zuschauer des »Public Viewings» warten gespannt auf die Ausstrahlung des Films, der am Sonntagabend einen Marktanteil von fast 26 Prozent erreichte. Über neun Millionen Menschen haben ihn gesehen.
»Ich bin skeptisch, ob die Atommüll-Thematik richtig aufgearbeitet wurde», sagt Marianne Fritzen, Urgestein der Anti-Atom-Bewegung, bevor der Film beginnt. Auch der NDR hat die Brisanz dieses besonderen Tatorts, eine Woche nach dem vorigen Atommülltransport, erkannt und ein Fernsehteam geschickt. Es soll die Reaktionen der Zuschauer einfangen. An dem Ort, an dem auch gedreht wurde. Das Gasthaus ist im Tatort mehrfach von innen und außen zu sehen. Beim Abspann hört man es bereits im Saal murmeln. Es gibt viel zu besprechen. »Das war ein guter Tatort! Ich glaube, dass die Zuschauer viel darüber erfahren haben, wie die Situation in Gorleben wirklich ist. Die Republik hat in den vergangenen drei Wochen viel dazugelernt», meint Martin Donat (Kreistagsmitglied der GLW) mit einem Lächeln. »Der Tatort war sehr informativ für Menschen, die sich sonst nicht mit der Gorleben-Problematik beschäftigt haben. Sie wissen jetzt, dass der Atommüll nicht unterirdisch im Salzstock, sondern in einer oberirdischen Blechhalle gelagert wird», sagt Marianne Fritzen. Diese Information war auch Susanne Kamien von der Bäuerlichen Notgemeinschaft besonders wichtig. Sie freute sich, dass die politische Botschaft so gut von Drehbuchautor Max Eipp verpackt wurde: »Es wurde noch einmal deutlich, dass die Endlagerfrage noch nicht geklärt ist.» Ein bisschen hat sie sich aber über die im Film dargestellte BI-Vorsitzende geärgert, die mit Wollpulli, VW-Bulli und ihren zwei latzhosigen Begleitern plakativ das Klischee einer Widerständlerin wiedergeben soll. Klischees werden im Film einige bedient - so tauchen auch eine esoterisch angehauchte, gewollt individuell wirkende Wendländerin und ein kiffender PC-Spezialist auf. Das Gasthaus wurde eigens für den Film umdekoriert. Seit dem Besuch des Filmteams hängen Geweihe an der Wand, und den Gastraum ziert eine Hirschtapete. »Für ein kommerzielles Produkt sind die politischen Hintergründe aber ganz anständig recherchiert», findet Susanne Kamien. Über den im Tatort angesprochenen Handel mit radioaktivem Material sagt Martin Donat: »Der kritische Ansatz war gut. Er hat die Frage aufgeworfen, wie sicher das radioaktive Material vor Fremdnutzung ist.» Marianne Fritzen fügt hinzu: »Mich hat berührt, wie mit atomarem Brennstoff umgegangen werden kann.»
»Der Tatort hat sich deutlich von der üblichen Krimi-Unterhaltung unterschieden und politisch wichtige Inhalte transportiert. Das sollte es öfter geben!», meint Dokumentarfilmerin Roswitha Ziegler. Die Geschichte der »Salzleiche» sei aber zu konstruiert und gewollt. Für Ortsansässige sei der Zusammenschnitt der Landschaftsszenen sehr amüsant gewesen, der mit der Realität natürlich nicht viel gemein hatte. Der ein oder andere Lüchow-Dannenberger hat vielleicht auch einen Bekannten hinter Kommissarin Lindholm durch das Bild huschen sehen. Viele der Komparsen, wie Andreas Ehlert, der einen Polizisten spielte, kamen aus der Region. »Ich war nur ein paar Sekunden zu sehen, aber meine Leute haben mich erkannt», sagt Andreas Ehlert, der findet, dass sein Auftritt ein bisschen was von Slaptstick hatte. Während des Films gab es für die Zuschauer im Saal viel zu lachen. »Der Film enthält spitzen wendländischen Humor», fand Klaus Beckstedt aus Küsten. Damit meinte er beispielsweise die kritischen Fragen der Tatort-Komissarin Lindholm an den Betreiber des potenziellen Endlagers: »Und Gorleben ist der sicherste Ort, weil die weitere Suche zu teuer ist?» Einige der Zuschauer des »Public Viewings» tauschten noch die oder andere Hintergrundinfo aus: Wer hätte schon gedacht, dass die Hand eines Toten, die aus einem Autofenster ragt, Kinobetreiber Thomas Günther aus Lüchow gehört? Auch bundesweit dürfte der Film den Zuschauern vor dem Fernseher einige Illusionen geraubt haben.
Sonntag, 4. Januar 2009
Freitag, 17. Oktober 2008
Kapitalismus und Wissenschaft - Korrupte Geschäfte an der Humboldt-Universität zu Berlin
Tatort am Sonntag, den 31.08.08:
Katja Manteuffel, Chefärztin der Berliner Uni-Augenklinik, wird ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen führen die Kommissare zur Cornea AG, einer Firma, die im Rahmen des streng geheimen Projektes "Phydra" einen revolutionären Netzhaut-Chip entwickelt hat. Dieser Chip wurde kurz nach Katja Manteuffels Ermordung einer blinden Patientin (Anne Kanis) implantiert. Schon bald rückt die Augenchirurgin Mareike Andresen (Judith Engel) ins Visier der Kommissare. Aufgrund der Ermordung von Katja Manteuffel hat sie die aufsehenerregende Operation durchgeführt. Eine einmalige Chance für die Karriere der jungen Ärztin. Aber hat sie dafür gemordet?
Als Ritter und Stark herausfinden, dass die Ermordete eine heimliche Liebesbeziehung mit Tim Nicolai (Justus von Dohnányi), dem Verlobten von Mareike Andresen und Leiter von "Phydra", hatte, gerät auch dieser unter Verdacht. Drohte Katja Manteuffel gegenüber Tim Nicolai damit, seiner Verlobten von dem Verhältnis zu erzählen? Es hätte Nicolais Entlassung aus der Firma bedeutet, denn der Vorstandsvorsitzende der Cornea AG ist Mareikes Vater Manfred Andresen (Jörg Gudzuhn).
Doch damit nicht genug: Von der attraktiven Referentin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Judith Wenger (Gesine Cukrowski) erfährt Ritter, dass das Bundesministerium "Phydra" maßgeblich finanziert. Immer klarer wird, dass der Schlüssel zur Aufklärung im Beziehungsdickicht von Forschung und Wirtschaft verborgen liegt, in dem Profitdenken und knallharte Konkurrenz herrschen. Ritter und Stark müssen ein Geflecht aus Lügen entwirren und stehen am Ende vor einer verblüffenden Lösung.
Sachverhalt:
Die Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) haben len Grund zum Feiern, denn sie ertragen sich nun schon mit Jubiläumsreife. Die von Ritter zu diesem Zweck eigens besorgte Flasche Champagner soll über den Dächern Berlins niedergemacht werden. Alkohol in der Dienstzeit? Das kann ins Auge gehen - tut es auch, jedenfalls für Starke, dessen Auge dem Champagner-Korken auf dessen Weg aus dem engen Flaschenhals ins Universum in die Queere kommt. Zum Glück ist die Charité nicht all zu weit entfernt und das blaue Auge wird schnell zum "Dienstunfall mit einem Champagner-Korken". Doch es bleibt keine Zeit zur Erholung, schon ruft wieder ein Leiche:Als Ritter und Stark herausfinden, dass die Ermordete eine heimliche Liebesbeziehung mit Tim Nicolai (Justus von Dohnányi), dem Verlobten von Mareike Andresen und Leiter von "Phydra", hatte, gerät auch dieser unter Verdacht. Drohte Katja Manteuffel gegenüber Tim Nicolai damit, seiner Verlobten von dem Verhältnis zu erzählen? Es hätte Nicolais Entlassung aus der Firma bedeutet, denn der Vorstandsvorsitzende der Cornea AG ist Mareikes Vater Manfred Andresen (Jörg Gudzuhn).
Doch damit nicht genug: Von der attraktiven Referentin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Judith Wenger (Gesine Cukrowski) erfährt Ritter, dass das Bundesministerium "Phydra" maßgeblich finanziert. Immer klarer wird, dass der Schlüssel zur Aufklärung im Beziehungsdickicht von Forschung und Wirtschaft verborgen liegt, in dem Profitdenken und knallharte Konkurrenz herrschen. Ritter und Stark müssen ein Geflecht aus Lügen entwirren und stehen am Ende vor einer verblüffenden Lösung.
(den Trailer gibts hier >>)
Bewertung:
Amysant und unterhaltsam, wie das quirrlige Kommissarenduo in Berlin ermittelt, wird ein gleichermaßen spannendes wie brisantes Thema der Verquickung von (öffentlich-rechtlicher, von Steuergeldern finanzierter) Wissenschaft und (gewinnorientierter) Privatwirtschaft problematisiert. Die üblichen Akteure: Universitäten, Wirtschaftskonzerne, Organe der Staatsaufsicht und ihre AkteurInnen - alle kommen sie vor. Und doch schaben die kriminalistischen Ermittlungen nur an der Oberkante, die nach Exzessen sucht, nach individuellen Einzeltätern, welche die Grenzen der Gemeinverträglichkeit übertreten und die große Legende von der "Suche nach Wahrheit und Wissen für ein besseres Leben" nur noch vor sich hertragen, um ihre persönliche Gier zu übertünchen. Das System enger Verzahnung und Abhängigkeit von Wissenschaft und Wirtschaft aber, bleibt unhinterfragt, muss es vielleicht auch bleiben. Dabei lohnt die Frage, wann eine bestimmte Forschung die heiligen Hallen der Universität verlässt, um privatwirtschaftlich oder militärisch weiterbeforscht zu werden - jenseits der Öffentlichkeit und mit anderen Zielen als denen der Wahrheitsstiftung.
Hier soll nicht bezweifelt werden, dass vielfach wichtige Forschungsergebnisse nur dadurch zum Nutzen der Menschheit bzw. in diesem Fall des/der einzelnen Patient/in wurden, dass eine (private) Firma aus der Erkenntnis ein heilendes Anwendungsprodukt hergestellt hat oder dass wichtige Forschungsprojekte an den öffentlichen Forschungseinrichtungen nur durch privatwirtschaftliche Spenden und/oder Public-Privat-Partnerships möglich geworden sind. Es soll aber gefragt werden, warum das so ist?! Der Tatort gibt dafür einen guten Einstieg; freilich gilt es die Rolle der Akteur/innen im System zu hinterfragen, die Zusammenhänge der Institutionen (universitäre Wissenschaft - Staatsaufsicht und -lenkung - Wirtschaft) in ihrer jeweils systemimmanenten Rolle innerhalb einer kapitalistisch funktionierenden Marktwirtschaft zu betrachten. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass sich der Staat aus der Finanzierung von Grundlagenforschung immer mehr heraushält und seinerseits wirtschaftlichen Imperativen folgt. Dadurch bleibt der Wissenschaft kein Schutzraum für eigene Fragestellungen. Mit der Implementation des Wettbewerbs als Lenkungsprinzip der Hochschulorganisation und -finanzierung, wie es der Exzellenzwettbewerb und die Suche/Sehnsucht nach Eliteuniversitäten in Deutschland so anschaulich macht, gehen den Universitäten die eigenen Gründungsmythen verloren. So wirken sie selbst an ihrem Umbau zu bloßen Berufsausbildungseinrichtungen einerseits und zu abhängigen Forschunsinstituten andererseits mit, die der Privatwirtschaft als Abschreibungsmöglichkeit eigener Investitionen ebenso dienlich sind, wie für die Erarbeitung von unwirtschaftlichen Teilprojekten mit staatlichen Mitteln, deren wirtschaftliche Nutzung wiederum der Privatwirtschaft anheimfällt. Wer wollte es ihr nicht gönnen - könnte man einwenden. Schlimm ist dabei nur, dass die mit Steuergeldern finanzierten Fortschritte der Gesundheitsindustrie schließlich vom Verbraucher wieder teuer bezahlt werden müssen.
Das alles in einem Tatort? Unmöglich! Klar, aber - auch das könnte ein Anspruch öffentlich-rechtlichen Fernsehens sein - wenigstens andeuten, dass die Welt komplexer ist, als nur die Summe der Charakterrollen eines Kriminalfalls, dürfte zu erwarten sein. Immerhin lobt die Kommission ausdrücklich die in dieser Hinsicht nicht unüberhörbaren Anspielungen und Wertungen der Kommissare, die auch das Bild wiedergeben, das in der Gesellschaft von Wissenschaft existiert. Um so amysanter für eine an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) agierende Kommission ist es dann zu sehen, wie die Innenaufnahmen der korrupten Chipfirma Cornea AG aus dem HU-Institutsgebäude der Physik in Adlershof stammen. Jenem Standort der Humboldt-Universität, der sich dafür rühmt, dass Universitäts- und privatwirtschaftliche Forschung hier eng zusammen arbeiten (>>).
Zum Verhalten der Kommissare lässt sich abschließend nur anmerken, dass die Behandlung von Verletzungen, die durch Champagner-Korken hervorgerufen werden, nur dann einen Betriebsunfall darstellen, wenn es sich beim Verzehr des Getränks um eine dienstliche Handlung handelt, also z.B. ihm Rahmen eines Empfangs für den neuen Abteilungschef während der Dienstzeit etc. Im vorliegenden Fall ist der Vorgang jedoch eher als Versicherungsbetrug im Amt zu bewerten. Dass darüberhinaus Kommissar Ritter in fast jeder Folge eine Affaire mit Zeuginnen und/oder Verdächtigen unterhält, mag ein vom Drehbuch als tragisch inszenierter Moment in Ritters Persönlichkeit sein. Dieser Umstand mutet aber doch reichlich unprofessionell für Polizeiarbeit an und zeigt nur, wie wenig Leben und Realitätswahrnehmung manchen BeamtInnen außerhalb ihres Dienstes bleibt.
Hier soll nicht bezweifelt werden, dass vielfach wichtige Forschungsergebnisse nur dadurch zum Nutzen der Menschheit bzw. in diesem Fall des/der einzelnen Patient/in wurden, dass eine (private) Firma aus der Erkenntnis ein heilendes Anwendungsprodukt hergestellt hat oder dass wichtige Forschungsprojekte an den öffentlichen Forschungseinrichtungen nur durch privatwirtschaftliche Spenden und/oder Public-Privat-Partnerships möglich geworden sind. Es soll aber gefragt werden, warum das so ist?! Der Tatort gibt dafür einen guten Einstieg; freilich gilt es die Rolle der Akteur/innen im System zu hinterfragen, die Zusammenhänge der Institutionen (universitäre Wissenschaft - Staatsaufsicht und -lenkung - Wirtschaft) in ihrer jeweils systemimmanenten Rolle innerhalb einer kapitalistisch funktionierenden Marktwirtschaft zu betrachten. Dabei dürfte eine Rolle spielen, dass sich der Staat aus der Finanzierung von Grundlagenforschung immer mehr heraushält und seinerseits wirtschaftlichen Imperativen folgt. Dadurch bleibt der Wissenschaft kein Schutzraum für eigene Fragestellungen. Mit der Implementation des Wettbewerbs als Lenkungsprinzip der Hochschulorganisation und -finanzierung, wie es der Exzellenzwettbewerb und die Suche/Sehnsucht nach Eliteuniversitäten in Deutschland so anschaulich macht, gehen den Universitäten die eigenen Gründungsmythen verloren. So wirken sie selbst an ihrem Umbau zu bloßen Berufsausbildungseinrichtungen einerseits und zu abhängigen Forschunsinstituten andererseits mit, die der Privatwirtschaft als Abschreibungsmöglichkeit eigener Investitionen ebenso dienlich sind, wie für die Erarbeitung von unwirtschaftlichen Teilprojekten mit staatlichen Mitteln, deren wirtschaftliche Nutzung wiederum der Privatwirtschaft anheimfällt. Wer wollte es ihr nicht gönnen - könnte man einwenden. Schlimm ist dabei nur, dass die mit Steuergeldern finanzierten Fortschritte der Gesundheitsindustrie schließlich vom Verbraucher wieder teuer bezahlt werden müssen.
Das alles in einem Tatort? Unmöglich! Klar, aber - auch das könnte ein Anspruch öffentlich-rechtlichen Fernsehens sein - wenigstens andeuten, dass die Welt komplexer ist, als nur die Summe der Charakterrollen eines Kriminalfalls, dürfte zu erwarten sein. Immerhin lobt die Kommission ausdrücklich die in dieser Hinsicht nicht unüberhörbaren Anspielungen und Wertungen der Kommissare, die auch das Bild wiedergeben, das in der Gesellschaft von Wissenschaft existiert. Um so amysanter für eine an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) agierende Kommission ist es dann zu sehen, wie die Innenaufnahmen der korrupten Chipfirma Cornea AG aus dem HU-Institutsgebäude der Physik in Adlershof stammen. Jenem Standort der Humboldt-Universität, der sich dafür rühmt, dass Universitäts- und privatwirtschaftliche Forschung hier eng zusammen arbeiten (>>).
Zum Verhalten der Kommissare lässt sich abschließend nur anmerken, dass die Behandlung von Verletzungen, die durch Champagner-Korken hervorgerufen werden, nur dann einen Betriebsunfall darstellen, wenn es sich beim Verzehr des Getränks um eine dienstliche Handlung handelt, also z.B. ihm Rahmen eines Empfangs für den neuen Abteilungschef während der Dienstzeit etc. Im vorliegenden Fall ist der Vorgang jedoch eher als Versicherungsbetrug im Amt zu bewerten. Dass darüberhinaus Kommissar Ritter in fast jeder Folge eine Affaire mit Zeuginnen und/oder Verdächtigen unterhält, mag ein vom Drehbuch als tragisch inszenierter Moment in Ritters Persönlichkeit sein. Dieser Umstand mutet aber doch reichlich unprofessionell für Polizeiarbeit an und zeigt nur, wie wenig Leben und Realitätswahrnehmung manchen BeamtInnen außerhalb ihres Dienstes bleibt.
Kind zu ersteigern
Tatort vom Sonntag, 06.07.08:
Ausweglos (Regie: Hajo Gies, MDR >>)
Sachverhalt:
In der Leipziger Innenstadt wird am frühen Morgen die Leiche einer jungen Frau gefunden. Susanne Körting wurde brutal erschlagen. Ihr Mann Manuel (Hinnerk Schönemann) erzählt den Hauptkommissaren Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke), dass er sich vor kurzem von Susanne getrennt hätten. Als sich bei der Obduktion herausstellt, dass Susanne Körting wenige Tage vor ihrer Ermordung ein Kind entbunden hat, gerät ihr Ehemann, der die Schwangerschaft verschwiegen hat, unter Verdacht.
Die Kommissare gehen der gescheiterten Ehe auf den Grund und erfahren, dass Susanne Körting es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hat. Mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber Jörg Grabosch (Matthias Matschke) soll sie sich auf einer Betriebsfeier vergnügt haben, und auch ihr letzter Chef, der verheiratete Peter Marquardt (Oliver Stokowski), der sie beim Kauf eines Kinderwagens begleitet hatte, rückt ins Visier der Ermittler. Die Suche nach dem oder der Mörder/in wird schnell zur Suche nach dem Erzeuger des noch immer verlorenen Babys. Nach diesem wird landesweit gefahndet, doch es fehlt jede Spur, und die Befürchtung, es könne getötet worden sein, lässt die Kommissare, die aus der Zeit ihrer gemeinsamen Ehe ebenso die Erfahrung eines verlorenen Kindes teilen, nicht ruhen.
Derweil ereignet sich Erstaunliches: Beim Besuch des behandelnden Frauenarztes der Toten (Andreas Borcherding) behauptet dieser, Susanne Körting sei bei ihm nicht als Schwangere in Behandlung gewesen. Auf dezidierte Nachfrage der Beamten behauptet dieser, sie könne auch bei keinem anderen Arzt gewesen sein, wie er durch Nachfrage bei der Krankenkasse in Erfahrung gebracht haben will.
Zwischendurch rücken die Kommissare zur Kindesrettung aus: Eine Frau meldet, aus der Wohnung ihres als Single lebenden Nachbars dringe ununterbrochenes Kleinkindgeschrei. Die Tür ist schnell aufgebrochen, die skuril anmutende Wohnung durchsucht. Schließlich finden sie das Kind wohlbehalten und wollen sich gerade auf den Weg ins Revier machen, als die Besitzer der Wohnung zurückkehren. Noch ehe sie sich versehen, sollen sie festgenommen werden. Doch das ganze stellt sich als großer Irrtum heraus. Denn der Junggeselle hat Besuch von seiner kleinen Schwester und deren Neugeborenen und war mit ihr "nur für ein paar Minuten Kaffeetrinken gegangen".
Die Nerven liegen blank. Die Ermittler verhören erneut Peter Marquardt und dessen Frau. Diese haben auch gerade ein neugeborenes Kind und einen ebensolchen Kinderwagen wie er auch am Tatort gewesen sein könnte.
Bald stellt sich heraus, dass die Tote lediglich als Leihgebärende der Marquardts dienen sollte. Darauf kommen die Ermittler durch einen Hinweis der Sprechstundenhilfe des Arztes, die bald selbst tot aufgefunden wird. Jemand hatte sie von einer Brücke gestoßen. Offenbar wollte Susanne Körting ihr Kind nicht herausgeben oder war ihr das von den Marquardts in Aussicht gestellte Geld zu wenig, das ihr (Ex-)Mann zum Erhalt seiner schlecht gehenden Tischlerei so dringend hätte brauchen können...
Bewertung:
Die Rolle des Kommissar Keppler scheint dem Schauspieler Martin Wuttke wie auf den Leib geschrieben - oder ist es umgekehrt? Dabei ist der Konflikt mit strafprozessualen Ermittlungsvorschriften quasi vorprogrammiert. Eine Charakter-Beschreibung, wie sie im Internet zu finden ist, bringt das ganz treffend auf den Punkt:
Im Einzelnen ist folgendes anzumerken:
Keppler benimmt sich überall, als wäre er zu Hause. Er bringt es fertig, den Inhaber einer Wohnung glatt zu übersehen, um sich umso geschäftiger gleich und ohne zu fragen über eine Schublade, ein Fotoalbum oder auch einen Kochtopf herzumachen, nur um zu schauen,was drinnen ist. Wohl kein zweiter Polizeibeamter wird so oft verwundert nach einem Durchsuchungsbeschluss gefragt wie er.Häufig antwortet Eva für ihn:„Seien Sie froh, dass er keinen hat!“ Denn eine Durchsuchung führt Keppler auf seine Art durch: professionell, akkurat, penibel, detailversessen. Aber meistens „guckt er ja bloß mal“ und entschuldigt sich auch sofort dafür, wenn er damit jemandem zu nahe tritt – was häufig der Fall ist.Immerhin, die Auseinandersetzung mit dem auch für Polizeibeamte verbotenen Ermittlungsmethoden findet statt – vor laufender Kamera quasi. Doch erzeugt das nicht auch eine Atmosphäre, in der die Zuschauer/innen nur hoffen können, dass die Wohnungsbesitzer etc. klein beigeben und in die Wohnungs"umschau" einwilligen?! Wie nervig wäre es, wenn die Kommissare jetzt erst einen Durchsuchungsbeschluss holen müssten, wo es doch gerade so spannend ist. Auch wenn die Mühen des Antragschreibens, Begründens und Prüfens dem Publikum erspart bleiben, ist für einen Krimi doch nur entscheidend, dass es möglichst schnell und spannend voran geht. Dem konnte sich auch die Kommission nicht immer ganz entziehen und daher scheint es um so dringlicher darauf hinzuweisen, dass es eben nicht genügt, etwas Verbotenes als solches zu bezeichnen und damit den Zuschauer zum Mitverschwörer illegaler Ermittlungen, zum Teil des Korpsgeistes werden zu lassen. Vielmehr muss auch ein spannender Kriminalplott zeigen, dass Ermittler/innen wissen, wo für sie Schluss ist und verstehen, damit umzugehen, ohne aufzugeben.
Im Einzelnen ist folgendes anzumerken:
- Die Szene, in welcher der Gynäkologe zum Telephon greift, um sich bei der Krankenkasse zu erkundigen, ob seine Patientin etwa noch bei anderen Ärzten in Behandlung ist, entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Zwar lässt der Film durchaus offen, ob das Gespräch mit der Krankenkasse tatsächlich stattgefunden hat oder ob der Arzt die Beamten darüber nur täuscht, die Kommission hält es jedoch für wichtig, darauf hinzuweisen, dass solcherlei Auskünfte über Patientendaten für eine Krankenkasse ebenso der Geheimhaltung unterliegen wie für einen Arzt. Die Auskunft hätte somit nicht ohne Weiteres erteilt werden dürfen und schon gar nicht am Telephon.
- Das gewaltsame Eindringen in die Wohnung des Junggesellen, aus der die Schreie des Kindes kamen (s.o.), war auch ohne Durchsuchungsbeschluss gerechtfertigt. Auch wenn es sich nachträglich als Irrtum herausstellte, handelten die Beamten hier nicht nur aus strafprozessualen, sondern auch aus präventiven Gründen, um das Baby vor gesundheitlichen Gefahren zu bewahren. Dabei durften sie davon ausgehen, dass ein weiteres Abwarten oder die Verständigung eines Schlossers möglicherweise zur Flucht des Verdächtigen mit dem Kind geführt hätte. Damit können sie sowohl nach den Polizeigesetzen zur Gefahrenbeseitigung als auch nach der StPO zur Verfolgung von Tatverdächtigen im Falle unmittelbar drohender Gefahr ausnahmsweise nach eigenem Entschluss handeln und Wohnungen durchsuchen. Diese Voraussetzungen waren hier gegeben. Daran ändert auch der tatsächliche Irrtum über die Umstände nichts. Allerdings müssen die Behörden für den Entstandenen Schaden gegenüber den Bewohner/innen aufkommen.
- Die Vernehmung des Gynäkologen auf dem Polizeirevier zunächst als Zeugen, im Verlauf des Gesprächs aber als Verdächtigen hätte sofort abgebrochen werden müssen, als dieser einen Anwalt zu sprechen verlangte. Setzt die Polizei die Vernehmung dennoch fort, führt dies zur Unverwertbarkeit der Aussage im gerichtlichen Verfahren. Im übrigen stellt es einen Verstoß gegen die Justizgrundrechte des Zeugen bzw. Verdächtigen dar.
- Nach dem Auffinden des gesuchten Kindes nimmt die Kommissarin das Kleinkind an sich, um es ihrer Mutter zur Aufbewahrung zu geben. Das ist selbstverständlich nicht zulässig. Zuständig ist hier das Jugendamt für die angemessene Versorgung und Unterbringung des Kindes, wenn eine ärztliche Versorgung nicht notwendig erscheint.
- Am Ende des Films kommt es zu einer - für Jurist/innen reichlich amysanten - Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar Marquardt und dem Ex-Mann der Toten. Dabei bietet dieser den Marquards das Sorgerecht an seinem Kind an, nach dem sich herausgestellt hat, dass er selbst der Vater des Kindes sei, wenn diese dafür einen bestimmten Geldbetrag zur Rettung seiner Tischlerei zahlten. Dadurch wird der irreale Eindruck erweckt, es handle sich beim Sorgerecht um ein privatrechtlichen Abtretungsvertrag, bei dem das Eigentum an dem Kind übertragen werden kann. Wenn das ginge, würde bestimmt so manche Eltern ihre Kinder bei E-bay versteigern... Tatsächlich ist die Frage des Sorgerechts keine zivilrechtliche, sondern eine öffentlich-rechtliche Frage. Wird das Sorgerecht nicht von den Eltern selbst ausgeübt hat ein Familiengericht zum Wohle des Kindes über die Frage zu entscheiden, wer es statt derer ausüben darf bzw. soll. Eine rechtsgeschäftliche Verfügung über Menschen ist im Rechtsstaat formell zumindest ausgeschlossen.
Mittwoch, 10. September 2008
Sendebetrieb vorrübergehend eingestellt
Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,
wegen anhaltender Urlaubsplanungen wird dieser Blog erst wieder am dem 21. September 2008 mit neuen Inhalten gefüttert.
Wir danken für Ihr Verständnis und wünschen allseits spannende Unterhaltung
Ihre Tatortkontrollkommission
Mittwoch, 28. Mai 2008
Nu sprechens ni hochdeutsch?!
Tatort vom Sonntag, 25.5.08:
Todesstrafe (Regie: Patrick Winczewski, MDR)
Sachverhalt:
Gerade mit dem Zug in Leipzig angekommen, wird Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) direkt zu einem Tatort gerufen, wo seine neue Kollegin und ex-Ehefrau Eva Saalfeld (Simone Thomalla) ihn schon erwartet. Zeit für Privates bleibt ihnen aber nicht, denn sie müssen gemeinsam einen Mord aufklären.
Hans Freytag (Tom Quaas), Betreiber des Veranstaltungszentrums "Fabrik", wurde erstochen von der Bäckersfrau aufgefunden, eine unerkannte Person ist vom Tatort flüchtig. Freytag hatte gemeinsam mit Jugendlichen ein Boot restauriert, an dessen Bug nun das Wort "Todesstrafe" gesprüht stehen. Keppler, dessen Alleingänge und dessen introvertiert schroffes Sozialverhalten im Ermittlungsteam schon bald zu Spannungen führt, und Kommissarin Saalfeld ermitteln, dass Freytags "Fabrik" bereits mehrfach von Unbekannten mit dem Wort "Kinderschänder" beschmiert worden war. Hintergrund könnte eine Strafanzeige seiner von ihm getrennt lebenden Frau Sibylle (Julia Richter) sein, die behauptet, dass Freytag ihre gemeinsame kleine Tochter missbraucht habe. Gegen Freytag herrschte Pogromstimmung im Stadtteil. Auf der Spur nach der flüchtigen Person vom Tatort stoßen die Kommissare Saalfeld und Keppler auf Max Lornsen (Joseph Bundschuh), der auch als letzter mit Freytag telefoniert hatte. Allerdings war der junge Mann mit dem Opfer befreundet - welches Motiv für einen Mord sollte er haben?
Das sieht beim Wirt Kurt Steinbrecher (Matthias Brenner) ganz anders aus: Er ist Vorsitzender eines eingetragenen Vereins, der öffentlich die Todesstrafe für Kinderschänder fordert. Steinbrecher hat kein Alibi, und seine Fingerabdrücke befinden sich auf einer am Tatort gefundenen Spraydose. Als die Kommissare dann noch herausfinden, dass Sibylle Freytag und ihr Anwalt Klaus Arend (Roman Knizka), der mit Kommissarin Saalfeld gemeinsam die Schulbank der POS Georgi Dimitroff gedrückt hatte, schon seit längerem ein Paar sind, stellt sich ihnen die Frage nach dem eigentlichen Zweck der Missbrauchsanzeige.
Eva Saalfeld und Andreas Keppler ermitteln in einem Stadtviertel, in dem eine Tendenz zu Bürgerwehr und Selbstjustiz herrscht. In ihrem ersten Fall müssen sie ein Geflecht aus Stammtischparolen, zerrütteten Ehen und gescheiterten Träumen entwirren.
Bewertung:
Die Kommission ist empört: Keppler spricht kein sächsisch; Saalfeld spricht kein sächsisch. Die alten Lornsens, der junge Lornsen, ja selbst die Bäckerin „von nebenan“ sprechen dialektfrei die deutsche Sprache. Menschen ohne Herkunft? Und das ausgerechnet in Leipzig, wo doch, wie manche behaupten, der Dialekt erst erfunden wurde. Und wo man ganz gewiss nicht beschämt darüber ist, noch nicht vollständig in die up-to-date-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts globalisiert und assimiliert zu sein.
Der Süddeutschen Zeitung hingegen scheint dieses linguistische Element ziemlich egal zu sein, denn schließlich sei ja eh „längst zusammengewachsen ist, was zusammengehört,“ wobei Else Buschheuer von der SZ nicht das, sich seit langer Zeit wiedersehende Ermittlerpaar meint, sondern die vermeintlich sächsisch sprechenden Ostdeutschen und die vermeintlich hochdeutsch sprechenden Westdeutschen. Klischees at its best! Und das ganz ohne Augenzwinkern.
Dass die dialektfreie Zone seit einiger Zeit in verschiedenen Tatortfolgen regionale Besonderheiten außer Kraft setzt und dem föderalen Prinzip des Tatorts somit einen Teil seines Sendungsbewusstseins entzieht, stellt die Kommission im Gegensatz zu den meisten medialen Reaktionen auf die Tatortfolge außerordentlich in Frage. Denn schließlich war es doch bisher stets etwas Besonderes, die im Relativen doch heterogene Lebenswelt hiesiger Regionen auch im Fernsehen zu erleben.
Und welchen Zweck kann das Konzept der linguistischen Deregionalisierung haben? Soll den Zuschauern bedeutet werden, dass es ja schließlich kein Problem sei, wo man arbeitet, sondern lediglich, das man arbeitet!? Ob Berlin oder Leipzig, ob Münster oder München – der modern-kapitalistischen Arbeitswelt ist das egal. Flexibel soll der Mensch sein (und dabei hilfreich und gut)! Hierfür, so scheint es, sind ein akzentfreies Hochdeutsch sowie die ausgeprägte Bereitschaft, seinen Wohnort vom Ort des Arbeitsplatzes abhängig zu machen, unabdingbare Voraussetzung. So entnimmt die Kommission die Botschaft: Kappt eure Wurzeln und sprecht hochdeutsch! Wo auch immer das sein wird - so wird es gut.
Nein, ein lebensnaher Tatort, ein Tatort „dran an den Menschen“ war das also wieder nicht. Vielmehr eine virtuelle Welt, zu der die Reale, so hofft man, doch niemals aufsteigen soll und im zweiten Atemzug schon bezweifelt, ob das nicht schon längst passiert ist. Im Tatort aus Leipzig ist es jedenfalls die Realität – auch im juristischen Sinn: Da stiftet die Kommissarin ihren alten „Freund aus EOS-Zeiten“ und Rechtsanwalt in seiner kitschig und klischeehaft mondänen Arbeitsumgebung an, als Zeugnisverweigerungsberechtigter nach § 53 I Nr. 3 StPO Privatgeheimnisse seines Mandanten zu verletzen, was strafbar ist nach §§ 203, 26 StGB. Da kommt es - wie schon in vergangenen Tatort-Folgen - zu Vernehmungen ohne vorherige ordnungsgemäße Belehrung. Mit dem Rechtsstaat also nimmt es der Tatort auch in dieser Folge nicht so genau.
Im Besonderen positiv bewertet die Kommission jedoch die ausgiebige Nutzung der Leipziger Straßenbahn durch Kommissar Keppler, der auch im Übrigen durch Martin Wuttke, den „Arturo Ui“ des Berliner Ensambles und dessen ehemaliger Intendant, hervorragend in Szene gesetzt wird. Schade, dass seine Kollegin Saalfeld, gespielt von Simone Thomalla, daneben so blaß bleibt. Schließlich kann wenigstens die Straßenbahn als fester Bestandteil des Leipziger Fluidums Präsenz zeigen, wenn den SchöpferInnen schon die sächsische Sprache nicht zur Identifizierung des Leipziger-Tatortes geeignet erschien.
Todesstrafe (Regie: Patrick Winczewski, MDR)
Sachverhalt:
Gerade mit dem Zug in Leipzig angekommen, wird Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) direkt zu einem Tatort gerufen, wo seine neue Kollegin und ex-Ehefrau Eva Saalfeld (Simone Thomalla) ihn schon erwartet. Zeit für Privates bleibt ihnen aber nicht, denn sie müssen gemeinsam einen Mord aufklären.
Hans Freytag (Tom Quaas), Betreiber des Veranstaltungszentrums "Fabrik", wurde erstochen von der Bäckersfrau aufgefunden, eine unerkannte Person ist vom Tatort flüchtig. Freytag hatte gemeinsam mit Jugendlichen ein Boot restauriert, an dessen Bug nun das Wort "Todesstrafe" gesprüht stehen. Keppler, dessen Alleingänge und dessen introvertiert schroffes Sozialverhalten im Ermittlungsteam schon bald zu Spannungen führt, und Kommissarin Saalfeld ermitteln, dass Freytags "Fabrik" bereits mehrfach von Unbekannten mit dem Wort "Kinderschänder" beschmiert worden war. Hintergrund könnte eine Strafanzeige seiner von ihm getrennt lebenden Frau Sibylle (Julia Richter) sein, die behauptet, dass Freytag ihre gemeinsame kleine Tochter missbraucht habe. Gegen Freytag herrschte Pogromstimmung im Stadtteil. Auf der Spur nach der flüchtigen Person vom Tatort stoßen die Kommissare Saalfeld und Keppler auf Max Lornsen (Joseph Bundschuh), der auch als letzter mit Freytag telefoniert hatte. Allerdings war der junge Mann mit dem Opfer befreundet - welches Motiv für einen Mord sollte er haben?
Das sieht beim Wirt Kurt Steinbrecher (Matthias Brenner) ganz anders aus: Er ist Vorsitzender eines eingetragenen Vereins, der öffentlich die Todesstrafe für Kinderschänder fordert. Steinbrecher hat kein Alibi, und seine Fingerabdrücke befinden sich auf einer am Tatort gefundenen Spraydose. Als die Kommissare dann noch herausfinden, dass Sibylle Freytag und ihr Anwalt Klaus Arend (Roman Knizka), der mit Kommissarin Saalfeld gemeinsam die Schulbank der POS Georgi Dimitroff gedrückt hatte, schon seit längerem ein Paar sind, stellt sich ihnen die Frage nach dem eigentlichen Zweck der Missbrauchsanzeige.
Eva Saalfeld und Andreas Keppler ermitteln in einem Stadtviertel, in dem eine Tendenz zu Bürgerwehr und Selbstjustiz herrscht. In ihrem ersten Fall müssen sie ein Geflecht aus Stammtischparolen, zerrütteten Ehen und gescheiterten Träumen entwirren.
Bewertung:
Die Kommission ist empört: Keppler spricht kein sächsisch; Saalfeld spricht kein sächsisch. Die alten Lornsens, der junge Lornsen, ja selbst die Bäckerin „von nebenan“ sprechen dialektfrei die deutsche Sprache. Menschen ohne Herkunft? Und das ausgerechnet in Leipzig, wo doch, wie manche behaupten, der Dialekt erst erfunden wurde. Und wo man ganz gewiss nicht beschämt darüber ist, noch nicht vollständig in die up-to-date-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts globalisiert und assimiliert zu sein.
Der Süddeutschen Zeitung hingegen scheint dieses linguistische Element ziemlich egal zu sein, denn schließlich sei ja eh „längst zusammengewachsen ist, was zusammengehört,“ wobei Else Buschheuer von der SZ nicht das, sich seit langer Zeit wiedersehende Ermittlerpaar meint, sondern die vermeintlich sächsisch sprechenden Ostdeutschen und die vermeintlich hochdeutsch sprechenden Westdeutschen. Klischees at its best! Und das ganz ohne Augenzwinkern.
Dass die dialektfreie Zone seit einiger Zeit in verschiedenen Tatortfolgen regionale Besonderheiten außer Kraft setzt und dem föderalen Prinzip des Tatorts somit einen Teil seines Sendungsbewusstseins entzieht, stellt die Kommission im Gegensatz zu den meisten medialen Reaktionen auf die Tatortfolge außerordentlich in Frage. Denn schließlich war es doch bisher stets etwas Besonderes, die im Relativen doch heterogene Lebenswelt hiesiger Regionen auch im Fernsehen zu erleben.
Und welchen Zweck kann das Konzept der linguistischen Deregionalisierung haben? Soll den Zuschauern bedeutet werden, dass es ja schließlich kein Problem sei, wo man arbeitet, sondern lediglich, das man arbeitet!? Ob Berlin oder Leipzig, ob Münster oder München – der modern-kapitalistischen Arbeitswelt ist das egal. Flexibel soll der Mensch sein (und dabei hilfreich und gut)! Hierfür, so scheint es, sind ein akzentfreies Hochdeutsch sowie die ausgeprägte Bereitschaft, seinen Wohnort vom Ort des Arbeitsplatzes abhängig zu machen, unabdingbare Voraussetzung. So entnimmt die Kommission die Botschaft: Kappt eure Wurzeln und sprecht hochdeutsch! Wo auch immer das sein wird - so wird es gut.
Nein, ein lebensnaher Tatort, ein Tatort „dran an den Menschen“ war das also wieder nicht. Vielmehr eine virtuelle Welt, zu der die Reale, so hofft man, doch niemals aufsteigen soll und im zweiten Atemzug schon bezweifelt, ob das nicht schon längst passiert ist. Im Tatort aus Leipzig ist es jedenfalls die Realität – auch im juristischen Sinn: Da stiftet die Kommissarin ihren alten „Freund aus EOS-Zeiten“ und Rechtsanwalt in seiner kitschig und klischeehaft mondänen Arbeitsumgebung an, als Zeugnisverweigerungsberechtigter nach § 53 I Nr. 3 StPO Privatgeheimnisse seines Mandanten zu verletzen, was strafbar ist nach §§ 203, 26 StGB. Da kommt es - wie schon in vergangenen Tatort-Folgen - zu Vernehmungen ohne vorherige ordnungsgemäße Belehrung. Mit dem Rechtsstaat also nimmt es der Tatort auch in dieser Folge nicht so genau.
Im Besonderen positiv bewertet die Kommission jedoch die ausgiebige Nutzung der Leipziger Straßenbahn durch Kommissar Keppler, der auch im Übrigen durch Martin Wuttke, den „Arturo Ui“ des Berliner Ensambles und dessen ehemaliger Intendant, hervorragend in Szene gesetzt wird. Schade, dass seine Kollegin Saalfeld, gespielt von Simone Thomalla, daneben so blaß bleibt. Schließlich kann wenigstens die Straßenbahn als fester Bestandteil des Leipziger Fluidums Präsenz zeigen, wenn den SchöpferInnen schon die sächsische Sprache nicht zur Identifizierung des Leipziger-Tatortes geeignet erschien.
Dienstag, 20. Mai 2008
Schallende Ermittlungen im Münsterland
Tatort vom Sonntag, 18.5.08:
Krumme Hunde (Regie: Manfred Stelzer, WDR)
Nur zweimal im Jahr gehen Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) auf amüsante Verbrecherjagd.
Diesmal wird der Privatdetektiv Peter Mang mit einer Hunde-Tätowierung im Nacken und Einstichwunden im Rücken halbnackt und von Säure verätzt in einer Baugrube gefunden. Ist er das Opfer seiner geheimen Ermittlungen geworden?
Der Tote Privatdetektiv lässt nicht nur eine Reihe pikierlicher Überwachungsbänder aus dem - wie das Bundesverfassungsgericht formulieren würde - absoluten Kernbereich privater Lebensführung zurück, sondern auch eine riesige Dogge, die - wie Thiel treffend formuliert - "Halbleiter scheißt". Auf dem so wiedererlangten Chip einer Digitalkamera findet Kommissar Thiel Fotos, die ihn auf die Spur der Industriellenfamilie Rummel führt. In der Ehe von Sabine und Markus Rummel scheint es trotz der sauberen Fassade offensichtlich zu bröckeln: Schließlich zeigen die von dem Detektiv aufgenommenen Fotos, dass den Werkschef und seine neue Assistentin Christine Schauer mehr verbindet als nur ein Arbeitsverhältnis. Beauftragt wurde der Privatdetektiv von Alfred Wesskamp. Der ehemalige Werksmitarbeiter ist ein älterer Freund des Hauses Rummel. Wesskamp verrät Kommissar Thiel auch, dass die Firma unter der Führung von Markus Rummel wirtschaftlich jüngst in eine Schieflage geraten ist. Derweil ermittelt Prof. Boerne wieder mal auf eigene Faust. Dass ihm der ermordete Privatdetektiv zum Verwechseln ähnlich sah, lässt den Rechtsmediziner keine Ruhe. Die auffällige Tätowierung des Toten führt ihn in ein einschlägiges Münsteraner Tattoo-Studio. Hier trifft er auf den Weißrussen Jan Sievic – und dessen Kampfhund …
Derweil versucht Vater Thiel vergeblich, dem Sohn seine neue indische Freundin Asha näher zu bringen und etwas familiär zu werden. Die wiederholten Versuche einer gemeinsam Mahlzeit scheitern jedoch immer am laufenden Ermittlungsstand und verleiten Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) dazu, an Thiels Junior statt das erleuchtete Paar zum Essen zu begleiten und die okulte Asha nach Wegen aus ihrer Rauchsucht zu befragen. Der Rest des überaus unterhaltsamen Tatorts wird daher mit grummeligen, penetranten Mantras, einer hungrigen Dogge und der Frage dominiert, warum Kommissar Thiel ständig eine Mütze tragen muss.
Bewertung:
Die Kommission sieht sich außer Stande, den Münsteraner Tatort einer grundlegenden wissenschaftlichen Bewertung zu unterziehen. Wo die Darstellung polizeilicher Ermittlungstätigkeit so sehr mit den Klischees einer von Intolleranz und Vorurteilen geprägten Gesellschaft spielt, dass deren überzogene Darstellung allenfalls die Lachmuskel anregt, denn ernsthaft als vorbildhafte Blaupause von Realität wahrgenommen werden kann, wird das Lachen zur versöhnlichen Erkenntnis und ist jeder ernsthafte Bewertungsversuch selbst zur Groteske verurteilt. Die Kommission stellt daher lediglich fest, dass sie sich außerordentlich amüsiert hat.
PS: Die Kommission regt die Ehrenmitgliedschaft von Thiel-Darsteller Axel Prahl in dem polizeibekannten Hamburger Fussballverein an, denn nie hat jemand im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so viel Werbung für einen Fussballverein gemacht, wie Prahl für den FC St. Pauli.
Krumme Hunde (Regie: Manfred Stelzer, WDR)
Nur zweimal im Jahr gehen Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) auf amüsante Verbrecherjagd.
Diesmal wird der Privatdetektiv Peter Mang mit einer Hunde-Tätowierung im Nacken und Einstichwunden im Rücken halbnackt und von Säure verätzt in einer Baugrube gefunden. Ist er das Opfer seiner geheimen Ermittlungen geworden?
Der Tote Privatdetektiv lässt nicht nur eine Reihe pikierlicher Überwachungsbänder aus dem - wie das Bundesverfassungsgericht formulieren würde - absoluten Kernbereich privater Lebensführung zurück, sondern auch eine riesige Dogge, die - wie Thiel treffend formuliert - "Halbleiter scheißt". Auf dem so wiedererlangten Chip einer Digitalkamera findet Kommissar Thiel Fotos, die ihn auf die Spur der Industriellenfamilie Rummel führt. In der Ehe von Sabine und Markus Rummel scheint es trotz der sauberen Fassade offensichtlich zu bröckeln: Schließlich zeigen die von dem Detektiv aufgenommenen Fotos, dass den Werkschef und seine neue Assistentin Christine Schauer mehr verbindet als nur ein Arbeitsverhältnis. Beauftragt wurde der Privatdetektiv von Alfred Wesskamp. Der ehemalige Werksmitarbeiter ist ein älterer Freund des Hauses Rummel. Wesskamp verrät Kommissar Thiel auch, dass die Firma unter der Führung von Markus Rummel wirtschaftlich jüngst in eine Schieflage geraten ist. Derweil ermittelt Prof. Boerne wieder mal auf eigene Faust. Dass ihm der ermordete Privatdetektiv zum Verwechseln ähnlich sah, lässt den Rechtsmediziner keine Ruhe. Die auffällige Tätowierung des Toten führt ihn in ein einschlägiges Münsteraner Tattoo-Studio. Hier trifft er auf den Weißrussen Jan Sievic – und dessen Kampfhund …
Derweil versucht Vater Thiel vergeblich, dem Sohn seine neue indische Freundin Asha näher zu bringen und etwas familiär zu werden. Die wiederholten Versuche einer gemeinsam Mahlzeit scheitern jedoch immer am laufenden Ermittlungsstand und verleiten Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) dazu, an Thiels Junior statt das erleuchtete Paar zum Essen zu begleiten und die okulte Asha nach Wegen aus ihrer Rauchsucht zu befragen. Der Rest des überaus unterhaltsamen Tatorts wird daher mit grummeligen, penetranten Mantras, einer hungrigen Dogge und der Frage dominiert, warum Kommissar Thiel ständig eine Mütze tragen muss.
Bewertung:
Die Kommission sieht sich außer Stande, den Münsteraner Tatort einer grundlegenden wissenschaftlichen Bewertung zu unterziehen. Wo die Darstellung polizeilicher Ermittlungstätigkeit so sehr mit den Klischees einer von Intolleranz und Vorurteilen geprägten Gesellschaft spielt, dass deren überzogene Darstellung allenfalls die Lachmuskel anregt, denn ernsthaft als vorbildhafte Blaupause von Realität wahrgenommen werden kann, wird das Lachen zur versöhnlichen Erkenntnis und ist jeder ernsthafte Bewertungsversuch selbst zur Groteske verurteilt. Die Kommission stellt daher lediglich fest, dass sie sich außerordentlich amüsiert hat.
PS: Die Kommission regt die Ehrenmitgliedschaft von Thiel-Darsteller Axel Prahl in dem polizeibekannten Hamburger Fussballverein an, denn nie hat jemand im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so viel Werbung für einen Fussballverein gemacht, wie Prahl für den FC St. Pauli.
Montag, 12. Mai 2008
Komm süßer Tod... -- Wissen schaft Kriminalität
Tatort vom Sonntag, 4.5.08:
Exitus (Regie: Thomas Roth, RBB)
Sachverhalt:
Crash Test Dummies sind auch nicht das was sie einmal waren. Um die Auswirkungen ein echtes Schleudertraumas bei ungenügender Sicherheitsausstattung von Unfall-Pkws auszutesten brauchts schon echte menschliche Körper. Aber wer würde sich dafür schon zur Verfügung stellen - selbst wenn mensch tot ist?? Also woher nehmen, wenn nicht stehlen...?
Nach einem Autounfall findet die Polizei fünf Leichen im feuergefangenen Wrack. Drei davon sind entkleidet und wie sich bald herausstellt längst vor dem Unfall verstorben. Der illegale Leichentransport ruft den Sonderermittler des Innenministeriums Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) auf den Plan. Gemeinsam mit seinem Wiener Kollegen Inspektor Bernhard Weiler (Heribert Sasse) treibt Eisner die Ermittlungen um die schaurige Entdeckung voran, die ihn in die Welt der Medizin und Forschung führen. Und wo Medizin und Forschung zusammen kommen ist häufig auch das große Geld nicht weit. Erste Untersuchungen ergeben, dass diese drei Leichen aus einem Krankenhaus offiziell zu Forschungs- und Lehrzwecken an die Anatomie der Universität Wien überstellt worden waren. Auch die Leiterin der Klinik Dr. Veronika Fuchsthaler (Sunny Melles) hat keine Erklärung dafür, wie diese menschlichen Körper nachts in einen Kleintransporter auf einer einsamen Landstraße gekommen sind.
Unerwartete Hilfe und emotionale Nähe erhalten die Ermittler, besonders aber Sonderermittler Elsner von der jungen Pathologin Dr. Paula Weisz (Feo Aladag), die in dem Krankenhaus Ungereimtheiten entdeckt. Auf eine ganz heiße Spur stößt Dr. Weisz bei einem Seminar an der Grazer Universität. Denn bei einem Anschauungsunterricht erkennt sie den vermisst gemeldeten Körper einer jungen Drogensüchtigen wieder, die nach den Unterlagen bereits in Wien von Studenten seziert worden ist. Wie konnte diese Leiche dann äußerlich offensichtlich unversehrt nach Graz kommen?
Für Moritz Eisner ist klar, dass die Anatomie und das Krankenhaus über gefälschte Akten Leichen verschwinden lassen. Menschen, die keine Angehörigen haben, für die niemand ein Begräbnis bezahlt und die niemand vermisst. Doch zu welchem Zweck geschieht das? Und warum hat die drogensüchtige Frau schwere Brüche an der Wirbelsäule und den Schultern, die ihr eindeutig lange nach dem Tod zugefügt wurden?
Inspektor Weiler findet unterdessen heraus, dass ein großes deutsches Versicherungsunternehmen, das sich u.a. auf Lebens- und Unfallversicherungen spezialisiert hat, Millionenbeträge wegen unfallbedingter Schleudertrauma auszahlen musste. Dieses Unternehmen publizierte nun eine Studie, wonach die Schleudertraumata sehr viel seltener zu Berufsunfähigkeit führen als bislang angenommen. Genauere Untersuchungen waren bisher mangels menschlicher Versuchskörper nur sehr beschränkt möglich gewesen. Seit Veröffentlichung der Studie haben die Versicherungen ihre Auszahlungspraxis grundlegend geändert und sparen so Millionen. Woher die in der Studie in Crash-Tests verwendeten Menschenkörper stammten bleibt ungewiss. Schnell kommen die Ermittler der Versicherung auf die Spur, deren österreichischer Firmensitzt zufällig oder gerade nicht von dem in Scheidung befindlichen Ehemann der Klinikdirektorin Fuchsthaler geleitet wird. Ein Schelm, wer böses dabei denkt...
Verfolgt von der Presse, die Wind von dieser Schauergeschichte bekommen hat, gerät Eisner immer tiefer in Ermittlungen, die ständig neue Fragen aufwerfen. Vor allem aber diese eine Frage: Wie weit dürfen Wissenschaft und Forschung gehen?
Bewertung:
"Exitus" ist ein sehr kurzweiliger, irgendwie "typisch" österreichischer Tatort, der eher an die Schocker der Kult-Thriller "Anatomie" und die morbide Kriminalgroteske "Komm süßer Tod" erinnert, denn an das übliche Tatortformat. Sollte das damit zu tun haben, dass sich die Preußen des RBB ihre Wiener Kollegen ebenen genau so vorstellen, denn der österreichische Tatort kommt aus Berlin (vgl. Jürgen Heimlich: Der TATORT aus Sicht eines Wieners)?
Dabei werden zwar durchaus spannende Fragen aufgeworfen:
Die Kommission hat wenig Anlass für strafprozessuale Kritik. Wo durch die Polizei Rechtsbrüche begangen wurden oder werden sollten, war dies Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen den Kollegen bzw. gegenüber der Staatsanwaltschaft. Nichtsdestotrotz hat sich Sonderermittler Eisner wegen versuchter Nötigung und Sachbeschädigung strafbar gemacht, wiewohl nach dem Handlungsverlauf davon auszugehen ist, dass der als Opfer in Frage kommende Reporter keine Anzeige erstatten, andernfalls die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellen wird.
Problematisch erscheinen die Frauenbilder in diesem Tatort. Während Dr. Weisz, eine schöne, intelligente Frau, als Inbegriff der selbständigen Karrieristin ein einsames Leben fristet und in Kommissar Eisner einen ebenbürtigen Partner findet, um wegen ihres Mutes und ihres Jobs geopfert zu werden, dient Klinikumsleiterin Dr. Fuchsthaler als Portfolio einer abhängigen, treuherzigen Ehefrau, die ihrem Mann selbst dann noch gehorcht, wenn dieser von ihr kriminelle Handlungen verlangt, fremdgeht und überdies die Scheidung eingereicht hat. Sie wird in einer zu tiefst entwürdigenden Haltung präsentiert, deren Tiefpunkt ohne Zweifel das schluchsende Eingeständnis ihrer Schuld an der Brust des sie überführenden Ermittlers ist. Beide Frauenbilder, samt der um ihren Vater und sein Glück besorgten Tochter, prägen die Szenerie, in deren Mittelpunkt Sonderermittler Eisler steht, dessen besonderer männlicher Charme der Kommission verborgen blieb, nicht ohne über dessen Auswirkung verwundert zu sein. Ein Merkmal, das sich übrigens durch fast alle Tatortfolgen mit Major Moritz Eisner, dem "lonesome cowboy", zieht (vgl. nur "Die Hölle, das sind die anderen", "Tod aus Afrika" oder "Der Teufel vom Berg") .
Nicht ohne Ironie möchte die Kommission den Autoren der Tatortfolge (Buch und Regie Thomas Roth) für das in dem Werbetrailer der verunfallten Medizinstudenten zum Ausdruck kommende anschauliche Beispiel des Tatbestands von § 168 Abs. 1 (2. Alt.) StGB [beschimpfender Unfug mit dem Körper oder Teilen des Körpers eines verstorbenen Menschen -> Straferwartung: Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis drei Jahren] danken, dass noch Generationen von Jurastudierenden als Vorbild bei der Subsumtionsarbeit dienen kann.
Exitus (Regie: Thomas Roth, RBB)
Sachverhalt:
Crash Test Dummies sind auch nicht das was sie einmal waren. Um die Auswirkungen ein echtes Schleudertraumas bei ungenügender Sicherheitsausstattung von Unfall-Pkws auszutesten brauchts schon echte menschliche Körper. Aber wer würde sich dafür schon zur Verfügung stellen - selbst wenn mensch tot ist?? Also woher nehmen, wenn nicht stehlen...?
Nach einem Autounfall findet die Polizei fünf Leichen im feuergefangenen Wrack. Drei davon sind entkleidet und wie sich bald herausstellt längst vor dem Unfall verstorben. Der illegale Leichentransport ruft den Sonderermittler des Innenministeriums Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) auf den Plan. Gemeinsam mit seinem Wiener Kollegen Inspektor Bernhard Weiler (Heribert Sasse) treibt Eisner die Ermittlungen um die schaurige Entdeckung voran, die ihn in die Welt der Medizin und Forschung führen. Und wo Medizin und Forschung zusammen kommen ist häufig auch das große Geld nicht weit. Erste Untersuchungen ergeben, dass diese drei Leichen aus einem Krankenhaus offiziell zu Forschungs- und Lehrzwecken an die Anatomie der Universität Wien überstellt worden waren. Auch die Leiterin der Klinik Dr. Veronika Fuchsthaler (Sunny Melles) hat keine Erklärung dafür, wie diese menschlichen Körper nachts in einen Kleintransporter auf einer einsamen Landstraße gekommen sind.
Unerwartete Hilfe und emotionale Nähe erhalten die Ermittler, besonders aber Sonderermittler Elsner von der jungen Pathologin Dr. Paula Weisz (Feo Aladag), die in dem Krankenhaus Ungereimtheiten entdeckt. Auf eine ganz heiße Spur stößt Dr. Weisz bei einem Seminar an der Grazer Universität. Denn bei einem Anschauungsunterricht erkennt sie den vermisst gemeldeten Körper einer jungen Drogensüchtigen wieder, die nach den Unterlagen bereits in Wien von Studenten seziert worden ist. Wie konnte diese Leiche dann äußerlich offensichtlich unversehrt nach Graz kommen?
Für Moritz Eisner ist klar, dass die Anatomie und das Krankenhaus über gefälschte Akten Leichen verschwinden lassen. Menschen, die keine Angehörigen haben, für die niemand ein Begräbnis bezahlt und die niemand vermisst. Doch zu welchem Zweck geschieht das? Und warum hat die drogensüchtige Frau schwere Brüche an der Wirbelsäule und den Schultern, die ihr eindeutig lange nach dem Tod zugefügt wurden?
Inspektor Weiler findet unterdessen heraus, dass ein großes deutsches Versicherungsunternehmen, das sich u.a. auf Lebens- und Unfallversicherungen spezialisiert hat, Millionenbeträge wegen unfallbedingter Schleudertrauma auszahlen musste. Dieses Unternehmen publizierte nun eine Studie, wonach die Schleudertraumata sehr viel seltener zu Berufsunfähigkeit führen als bislang angenommen. Genauere Untersuchungen waren bisher mangels menschlicher Versuchskörper nur sehr beschränkt möglich gewesen. Seit Veröffentlichung der Studie haben die Versicherungen ihre Auszahlungspraxis grundlegend geändert und sparen so Millionen. Woher die in der Studie in Crash-Tests verwendeten Menschenkörper stammten bleibt ungewiss. Schnell kommen die Ermittler der Versicherung auf die Spur, deren österreichischer Firmensitzt zufällig oder gerade nicht von dem in Scheidung befindlichen Ehemann der Klinikdirektorin Fuchsthaler geleitet wird. Ein Schelm, wer böses dabei denkt...
Verfolgt von der Presse, die Wind von dieser Schauergeschichte bekommen hat, gerät Eisner immer tiefer in Ermittlungen, die ständig neue Fragen aufwerfen. Vor allem aber diese eine Frage: Wie weit dürfen Wissenschaft und Forschung gehen?
Bewertung:
"Exitus" ist ein sehr kurzweiliger, irgendwie "typisch" österreichischer Tatort, der eher an die Schocker der Kult-Thriller "Anatomie" und die morbide Kriminalgroteske "Komm süßer Tod" erinnert, denn an das übliche Tatortformat. Sollte das damit zu tun haben, dass sich die Preußen des RBB ihre Wiener Kollegen ebenen genau so vorstellen, denn der österreichische Tatort kommt aus Berlin (vgl. Jürgen Heimlich: Der TATORT aus Sicht eines Wieners)?
Dabei werden zwar durchaus spannende Fragen aufgeworfen:
- Warum kann der Leichnam eines Menschen nach dem deutschen Recht für medizinische Versuche und Organspenden nur genutzt werden, wer eine entsprechende Erklärung abgegeben hat und seinen Organspenderausweis mit sich führt, während in Österreich schlichtweg jeder Leichnam weiterverwendet werden kann, wenn diese nicht explizit durch den Verstorbenen ausgeschlossen wurde oder Angehörige die Bestattung zeitnah veranlassen?
- Wo sind die Grenzen wissenschaftlichen Forschens?
- Ist die Forschung reiner Selbstzweck und von jeder ethischen Bewertung freizustellen?
- Wem darf, wem muss die Forschung dienen?
Die Kommission hat wenig Anlass für strafprozessuale Kritik. Wo durch die Polizei Rechtsbrüche begangen wurden oder werden sollten, war dies Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen den Kollegen bzw. gegenüber der Staatsanwaltschaft. Nichtsdestotrotz hat sich Sonderermittler Eisner wegen versuchter Nötigung und Sachbeschädigung strafbar gemacht, wiewohl nach dem Handlungsverlauf davon auszugehen ist, dass der als Opfer in Frage kommende Reporter keine Anzeige erstatten, andernfalls die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellen wird.
Problematisch erscheinen die Frauenbilder in diesem Tatort. Während Dr. Weisz, eine schöne, intelligente Frau, als Inbegriff der selbständigen Karrieristin ein einsames Leben fristet und in Kommissar Eisner einen ebenbürtigen Partner findet, um wegen ihres Mutes und ihres Jobs geopfert zu werden, dient Klinikumsleiterin Dr. Fuchsthaler als Portfolio einer abhängigen, treuherzigen Ehefrau, die ihrem Mann selbst dann noch gehorcht, wenn dieser von ihr kriminelle Handlungen verlangt, fremdgeht und überdies die Scheidung eingereicht hat. Sie wird in einer zu tiefst entwürdigenden Haltung präsentiert, deren Tiefpunkt ohne Zweifel das schluchsende Eingeständnis ihrer Schuld an der Brust des sie überführenden Ermittlers ist. Beide Frauenbilder, samt der um ihren Vater und sein Glück besorgten Tochter, prägen die Szenerie, in deren Mittelpunkt Sonderermittler Eisler steht, dessen besonderer männlicher Charme der Kommission verborgen blieb, nicht ohne über dessen Auswirkung verwundert zu sein. Ein Merkmal, das sich übrigens durch fast alle Tatortfolgen mit Major Moritz Eisner, dem "lonesome cowboy", zieht (vgl. nur "Die Hölle, das sind die anderen", "Tod aus Afrika" oder "Der Teufel vom Berg") .
Nicht ohne Ironie möchte die Kommission den Autoren der Tatortfolge (Buch und Regie Thomas Roth) für das in dem Werbetrailer der verunfallten Medizinstudenten zum Ausdruck kommende anschauliche Beispiel des Tatbestands von § 168 Abs. 1 (2. Alt.) StGB [beschimpfender Unfug mit dem Körper oder Teilen des Körpers eines verstorbenen Menschen -> Straferwartung: Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis drei Jahren] danken, dass noch Generationen von Jurastudierenden als Vorbild bei der Subsumtionsarbeit dienen kann.
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